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Die Stadt der toten Dichter : Schwarze Milch

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Doch im heiklen Ungleichgewicht von fünf Sprachen - Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch - und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt.

Man kann nicht durch die weiten, keinen Überblick gestattenden Hügelstraßen von Czernowitz gehen, ohne alle paar Meter auf Gedenktafeln für Geistesgrößen zu stoßen, als wäre man in Paris oder Petersburg oder der Stadt, welcher Czernowitz um jeden Preis ähneln wollte: Wien. In der großen Synagoge, die von den Nazis in Brand gesteckt und von den Sowjets gesprengt wurde und deren Restmauern heute ein Kino beherbergen, hat der junge Joseph Schmidt, einer der größten Tenöre aller Zeiten, als Kantor gesungen. Er starb 1942 mit achtunddreißig Jahren in einem Schweizer Auffanglager auf der Flucht; man hatte seine Herzkrankheit nicht behandelt. Ein paar Schritte neben dem Tempel bezeichnet eine Tafel das Geburtshaus von Erwin Chargaff, der drei Jahre jünger war als Schmidt, als Biochemiker die DNA mitentdeckte und mit siebenundneunzig Jahren 2002 in New York starb - nebenbei war er noch einer der klügsten Essayisten des vorigen Jahrhunderts.

Rose Ausländer nicht zu vergessen

In Czernowitz, dessen relative Bevölkerungsmehrheit um 1900 aus Juden bestand, lernten und schrieben, lehrten und veröffentlichten gleichzeitig einige der besten jiddischen Autoren: der Pädagoge Elieser Steinbarg und der versoffene Poet Itzig Manger, der fliehen konnte und nach einem Wanderleben 1969 in einem Sanatorium bei Jerusalem letztes Obdach fand. Auch Gregor von Rezzori, der mit Brigitte Bardot auf der Leinwand zu sehen war und sich in Czernowitz für seine „Maghrebinischen Geschichten“ inspirierte, ist von hier.

Die 1901 geborene Dichterin Rose Ausländer nicht zu vergessen, die Celan 1941 im Czernowitzer Ghetto kennenlernte - nicht zuletzt seiner Kritik an ihrem bis dato expressionistisch grundierten Stil verdankte sie jene lakonische Diktion, die ihre großen, längst gegenwartsklassischen Gedichte auszeichnete. Immer wieder ist sie aus Czernowitz geflohen, immer wieder zurückgekehrt: „Eine goldene Kette“, heißt es im Gedicht „Heimatstadt“, „fesselt mich / an meine urliebe Stadt / wo die Sonne aufgeht / wo sie untergegangen ist / für mich“.

Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte ebenso in der habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie mehrere poetische Ikonen der heutigen Ukraine: Olga Kobylanska oder Dmytro Zahul, der in Stalins GULag umkam. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Josef Burg, letzter jiddischer Dichter aus dem Schtetl, ist vorigen August in Czernowitz mit fast siebenundneunzig Jahren gestorben.

Nun ist Czernowitz eine Stadt der toten Dichter - aber welche Schicksale haben sie gehabt! Welche pathetischen Tode sind sie gestorben! Die überzeugte Kommunistin Klara Blum, Jahrgang 1904, wurde Chinesin, nachdem Stalin in Moskau ihren chinesischen Ehemann umgebracht hatte - sie starb als Zhu Bailan 1971 in Guangzhou, mitten in der Kulturrevolution. Ihr Jahrgangsgenosse Moses Rosenkranz überlebte die Nazis als Sekretär im rumänischen Außenministerium, überlebte ebenso den GULag und floh vor der Securitate 1961 in den Schwarzwald, wo er 2003 mit neunundneunzig starb.

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