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Von Wegen „Impfchaos“ : Nachrichten aus dem Springer-Bunker

Axel-Springer-Neubau in Berlin: Die Fassade wirkt von außen wie eine zerdrückte Dose. Bild: dpa

Manche Medien machen es sich mit der Kritik am vermeintlichen „Impfchaos“ ziemlich leicht. Auch im ZDF wird unterkomplex herummoderiert. Die schönsten Corona-Blüten indes gedeihen bei einem bestimmten Verlag.

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          Hinterher ist man immer schlauer. Was nichts anderes bedeutet als: Vorher hätte man schlauer sein können oder – eben auch nicht. Jetzt zum Beispiel wissen die ganz Schlauen, deren Stimmen vor allem die Zeitungen des Springer-Verlags bündeln, dass wir uns in einem Impfchaos befinden, für das die Bundesregierung die Verantwortung trägt, insbesondere Gesundheitsminister Jens Spahn.

          Der habe beizeiten nicht genügend Impfstoff der Firma Biontech aus Mainz bestellt. Die Israelis impften im Nu, Amerikaner und Briten legten Tempo vor, nur im übrigen Europa hake es, in Deutschland zumal, lautet der Befund, der an manchen Stellen schon so weit reicht, die Bundesregierung für jeden einzelnen Toten der Corona-Pandemie verantwortlich zu machen.

          Mit der Wahrheit hat das wenig zu tun. Bis in den Herbst hinein wusste niemand, wer beim Wettrennen der Impfstoffentwicklung als Erster ins Ziel kommt. Vorne lag, dem Anschein nach, das britisch-schwedische Unternehmen Astra-Zeneca, auch der amerikanische Hersteller Moderna und der französische Konzern Sanofi lagen gut im Rennen.

          Dass Biontech mit seinem neuartigen mRNA-Impfstoff zulassungstechnisch alle anderen abhängen würde, war erst im November klar erkennbar. Da hatte die EU-Kommission im Auftrag der Mitgliedsländer ihre Bestellung längst abgegeben, breit gestreut auf sechs Hersteller. Damals wurde vor „Impfnationalismus“ gewarnt, genau den wollte man verhindern, genau den werfen seit Weihnachten die italienische Regierung und italienische Medien der Bundesregierung vor.

          Dabei hat Gesundheitsminister Spahn bei Biontech/Pfizer inzwischen – nach dem EU-Auftrag – national nachbestellt. Was ihm in den Augen hiesiger Impfchaosbeschwörer selbstverständlich wiederum zum Nachteil gereicht.

          Bis Mitte des Jahres wolle er allen Impfwilligen im Land ein Angebot machen, was zu verwirklichen sei, so es mit den Zulassungen klappe und die Produktionskapazitäten reichten, sagte Spahn am Montagabend im „heute journal“ des ZDF. Dort übte sich Moderatorin Marietta Slomka in der Hinterher-ist-man-immer-schlauer-Haltung, die in der Impffrage nach AfD, FDP und Linkspartei auch auf die SPD und auf Ministerpräsident Markus Söder (CSU) übergegriffen hat. Bei Biontech/Pfizer zu wenig bestellt, „auf die falschen Pferde“ gesetzt, Sanofi komme ja gar „nicht aus den Puschen“, hieß es bei Slomka.

          Das kann man so meinen, es ist allerdings, zurückhaltend gesagt, unterkomplex und schlecht informiert und geht in die Richtung der Bunkermedien aus dem Hause Springer, die zwischen kritischer Betrachtung, Blame Game und Schuldigensuche nicht unterscheiden, weil sie, wie die „Bild“-Zeitung, gar nichts anderes als draufhauen können.

          Guter Journalismus ist das nicht, schon gar nicht, wenn man diejenigen, die anderer Ansicht sind, dann auch noch dafür verantwortlich macht, dass populistische Rechtsaußenmedien angeblich an Zulauf gewinnen. Was angesichts des in der Corona-Krise stark gewachsenen Vertrauens in Qualitätsmedien auch wieder Fake News ist.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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