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Die Sprengkraft des Olivenöls : Schwarzes Lob im Landeanflug

Während der Reise unserer Autors nach Palermo wird ein wenig italienisches Öl zum Klebstoff einer unfreiwilligen Unterhaltung. Bild: AFP

Auf dem Weg nach Palermo trifft unser Autor auf einen Italiener, der das goldene Schweigen nicht wirklich schätzt. Über den Gang des Flugzeugs hinweg wird Olivenöl zum Politikum. Eine Glosse.

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          Der kleine, alte Mann, schmal und kahl, hat sich noch nicht angeschnallt, da beginnt er schon zu schimpfen. Was das für eine Regierung sei, die bekäme gar nichts geregelt und werde Italien noch zugrunde richten, eine Katastrophe, wie solle das nur weitergehen? Da sei es doch besser, man würde das den Deutschen, ja, echt, der Frau Merkel überlassen, die könne das.

          Wobei nicht ganz klar ist, mit wem er spricht. Nur mit sich selbst, mit seiner Frau, die in den Sitz neben ihm gesunken ist, oder auch mit mir, der ich auf der anderen Seite des Ganges sitze? „Das sagen Sie mal besser Ihren Landsleuten, die werden Ihnen was erzählen. Der Wahlkreis, in dem der Movimento Cinque Stelle das beste Ergebnis erzielt hat, liegt auf Sizilien!“ Das möchte er aber gar nicht hören, doch von nun an sind wir im Gespräch.

          – „Und Sie fliegen nach Hause?“ – „Ja, aber ich lebe in Köln, seit 1962 schon, da war ich siebzehn und hab bei Ford in Niehl angefangen, die ganze Truppe waren Italiener, fast fünfzig Jahre bin ich am Band gestanden.“ – „Und sind nicht nach der Rente zurückgekehrt?“ – „Nein!“ – „Wegen der Kinder nicht?“ – „Ja, auch, ich hab nur eine Tochter, die arbeitet bei den Kölner Verkehrs-Betrieben, so eine Stelle gibt man nicht auf. Aber ich habe in Bivona, wo ich herkomme, ein Haus gebaut.“ – „Wo liegt das, Bivona?“ – „Im Inselinneren, hinter Corleone, Prizzi, Provinz Agrigent.“

          – „Und wie lange bleiben Sie?“ – „Fast zwei Monate, wir ernten Oliven, ich habe Bäume gepflanzt, wir pressen unser eigenes Öl, erstklassig ist das.“ – „Wie groß ist denn Ihre Ernte?“ – „So fünfzig, sechzig Liter, die fülle ich ab und verkaufe sie in Köln, krieg ich alles weg, ist gar kein Problem, die Flasche für neun Euro, das ist sehr günstig, bei der Qualität?“ – „Kann ich das auch kaufen?“ – „Ja, da müssen Sie vorbeikommen, ich gebe Ihnen meine Karte.“

          – „Wovon leben die Menschen in Bivona?“ – „Vor allem von der Landwirtschaft, aber Arbeit gibt es wenig. Ich hab einen Neffen, der ist bei der Feuerwehr, das ist ein guter Job. Aber er hat auch Schafe, inzwischen sind es mehr als hundert Tiere. Seine Garage hat er umgebaut und eine Küche eingerichtet, dort produziert er, seit ein paar Jahren schon, Käse, Pecorino. Und den verkauft er, das läuft gut, damit verdient er mehr als mit seinem Feuerwehrjob, das geht alles im Lieferwagen nach Köln und Umgebung. Dem geht es prächtig, der fährt einen Land Rover.“ Später, die Maschine ist schon im Anflug auf Palermo, lehnt sich der Kölner Rentner aus Bivona auf einmal ganz über den Gang, als wolle er mir ein Geheimnis anvertrauen: „Alles schwarz!“, flüstert er verschwörerisch.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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