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Die Spice Girls in Köln : Allein singen macht dick

Publikumsliebling: Victoria Beckham Bild: REUTERS

Freundschaft endet nie: Die wiedervereinigten Spice Girls gaben in Köln das einzige Deutschland-Konzert ihrer Welttournee - eine Pyjamaparty mit fast 14.000 überwiegend weiblichen Fans.

          3 Min.

          Es gibt große Stars, die sich immer wieder neu erfinden - Stichwort Madonna. Und dann gibt es Künstler, die einfach bei dem bleiben, was sich einmal bewährt hat. Den Pokal in dieser Disziplin nehmen nun mit Fug und Recht die Spice Girls mit nach Hause. Zehn Jahre nach ihrer letzten Tournee schufen sie bei ihrem einzigen Konzert für die deutschen Fans in der Kölnarena eine Neunziger-Jahre-Enklave. Die Beats! Die „Girl Power!“-Rufe! Und nicht zu vergessen: die Outfits.

          Roberto Cavalli, der die meisten der häufig gewechselten Tour-Kostüme entworfen hat, nahm ihren Stil von damals umstandslos auf: Geri Halliwell steckte er mal wieder in ein Minikleid mit Union-Jack-Motiv; Mel B trug tatsächlich Leoprint, quasi das Erkennungszeichen von Menschen, die in den Neunzigern berühmt waren; Mel C erschien wie gehabt im Sportdress; Victoria Beckham sah nach Haute Couture aus; und Emma Bunton trägt immer noch das, was unsere Großmütter Fähnchen nannten.

          Rückkehr als Abschied

          Die Girls machten also schnell klar: Hier geht es nicht darum, sich weiterzuentwickeln. Nur die Stimmen klingen nach mehr als früher, die Musik haben sie kaum variiert. Die Rückkehr ist zugleich schon ein Abschied, offiziell hat sich das Quintett nie aufgelöst. Der Neubeginn kommt bekanntlich erst nach der Trennung. In Köln wurde also ein Retro-Festival der Extraklasse gefeiert mit allen unvergessenen Ohrwürmern von „Stop“ bis „Wannabe“ und der aktuellen Single „Headlines (Friendship Never Ends)“, die selbstverständlich ebenfalls nach anno dazumal klingt. Im Gegensatz zu Las Vegas, wo die Gruppe ihre bombastische Bühnenshow vor halbleeren Rängen abfackeln musste, war die Kölnarena fast ausverkauft.

          Erfolgreiche Solokarriere: Melanie Chisholm

          In einem machte Köln aber keinen Unterschied zu den Vereinigten Staaten und London: Das am meisten bejubelte Spice Girl war Victoria Beckham. In puncto Rollenmodell ist das eigenartig. In den Vereinigten Staaten lebt sie immerhin, und in England ist sie eben die Frau eines Nationalheiligtums, das zum Weinen schöne Freistöße schießt. Diesseits des Ärmelkanals ist ihr entscheidendes Merkmal allerdings, dass sie so erschreckend unterernährt aussieht, als hätte sie seit der letzten Tour nur sesamfreies Knäckebrot zu sich genommen. Dabei gäbe es auch andere zu bejubeln: Melanie Chisholm, die noch immer die hohen Töne am sichersten trifft und auch die erfolgreichste Solokarriere vorzuweisen hat; Geri, die sich als Einzige akzentfreie deutsche Worte abringt; Emma, die vor vier Monaten Mutter geworden ist; und Mel B, die in den vergangenen Jahren immerhin die kreativste Kindsvaterwahl an den Tag legte: Ein Baby von Eddie Murphy zu bekommen, das muss einem auch erst mal einfallen.

          Alles glitzert und dreht sich

          All diese spannenden Frauen tanzen nun also über die T-förmige, verspiegelte Bühne durch ein Gewitter an Lasereffekten, Lichtern, Projektionen und Tänzern. Alles glitzert, bewegt und dreht sich; bevorzugtes Fortbewegungsmittel sind Hebebühnen und Theateraufzüge, die in regelmäßigen Abständen ein frisch umgekleidetes Spice Girl pilzartig aus dem Boden schießen lassen. Besonders lasziv wird es, als sie zum Umziehen auf der Bühne bleiben und in nebeneinanderstehenden Kabinen, die nur durch kleine herzförmige Milchglasscheiben verdeckt werden, ihr Outfit wechseln. Nur kurze Zeit später führen sie ihre Tänzer an Hundeleinen vor sich her. Das war es schließlich, was die Spice Girls ihren Fans damals beigebracht haben: Männer lassen sich leichter dominieren von einer Frau, die einen Minirock und hohe Stiefel trägt.

          Die Botschaft ist angekommen beim Publikum, das eindeutig eines der ersten Stunde ist: die meisten zwischen zwanzig und dreißig Jahren, der Großteil weiblich. Vor der Halle stehen ausschließlich Männer, um Restkarten zu verkaufen, was zwei Folgerungen zulässt. Erstens: Die Freundinnen dieser Männer haben entweder Grippe oder Schluss gemacht. Zweitens: Boybands machen Musik für Mädchen; Girlgroups, selbst wenn das mal anders geplant war, auch. Musik für Jungs machen die Ungewaschenen in den Lederjacken, die deshalb so attraktiv wirken, weil man früher nie mit ihnen spielen durfte. Von so etwas sind die Spice Girls auch bei ihren Soloauftritten weit entfernt, selbst wenn Mel B sich einen Mann auf die Bühne holt und zu „Are You Gonna Go My Way?“ den Vamp gibt. Jedes der Spice Girls spielt seinen größten Solohit, bis auf Victoria, die auf einer Vertragsklausel bestand, nach der sie nicht allein singen müsse. Ihr Solobeitrag besteht daher im Aufsetzen einer monströsen Sonnenbrille, im Marschieren auf die Plattform, als wäre die Bühne ein Catwalk, und dem Posieren dort.

          Nur wenig später hatte sie ihre Mädels ja wieder. Händchenhaltend demonstrierten sie Einigkeit zu „Mama“, um noch ein bisschen ins Mikrofon zu kichern und am Ende, in Bonbonfarben gewandet, eine Polonaise mit den Tänzern zu veranstalten. Eine riesige Pyjamaparty unter alten Freunden also, in die die knapp vierzehntausend Fans spontan eingemeindet wurden - nur mit lauterer Musik und mehr Strasssteinchen am Outfit, als Mama jemals erlaubt hätte.

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