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Die Shortlist zum Buchpreis : Nicht nur für Erntehelfer der Literatur

Der Deutsche Buchpreis ist mehr als der Versuch, den besten Roman des Jahres zu bestimmen. Er ist vor allem ein Spiel, ein Marketing- und Literaturbetriebsspiel mit Fiktionen und um Fiktionen. Wie auch der engste Kreis der Kandidaten zeigt.

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          Kein liebender Juror, der sich für Martin Walsers Spätwerk begeistert hätte? Kein Liebesbrand, den Feridun Zaimoglus jüngstes Buch in einer Jurorenbrust entfachen könnte? Kein kühler Kritikerkopf, der Marcel Beyers gefeierten Roman „Kaltenburg“ mit heißem Herzen hätte durchsetzen können? Nichts von alldem. Drei der hochgehandelten Favoriten für den Deutschen Buchpreis haben den Weg auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises nicht gefunden. Wie Soziologen, die keiner Statistik glauben, die sie nicht selbst gefälscht haben, loben auch Kritiker in der Regel keine Jury, der sie nicht selbst angehören. Nichts leichter als Jurorenschelte: Christian Kracht und Annette Pehnt nicht einmal auf der Longlist? Lukas Bärfuss und Uwe Timm nicht auf der Shortlist? Unbegreiflich, skandalös.

          Aber der Deutsche Buchpreis ist ja viel mehr als der Versuch, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres zu bestimmen. Er ist vor allem ein Spiel, ein Marketing- und Literaturbetriebsspiel mit Fiktionen und um Fiktionen, und die Währung, in der hier Gewinne und Verluste berechnet werden, heißt Aufmerksamkeit. Hat es nicht fröhlich in Peter Handkes Aufmerksamkeitsschatzkästlein geklingelt, als er sich selbst von der Liste nahm? Wird nicht jeder Juror, dem die aufgebrachten Kritikerkollegen am Buchmessenbüfett den Dessertlöffel an den Hals setzen, die Ausrede wählen, Marcel Beyer sei nur ausgeschieden, weil er bereits den viel besser dotierten Breitbach-Preis erhält?

          Nicht nur Kartoffeln, sondern auch Rüben und Bohnen

          Dass Uwe Tellkamp und Ingo Schulze jetzt auf der Shortlist stehen, ist nicht überraschend; aber mit Iris Hanika, Rolf Lappert, Dietmar Dath und Sherko Fatah wurden gleich vier Autoren ausgewählt, die gewiss nicht jeder Branchenkenner auf der Rechnung hatte. So soll, lässt die Jury wissen, die „reichhaltige Bandbreite“ des deutschen Gegenwartsromans gewürdigt werden. Das klingt nun längst nicht so agonal, wie die offiziellen Spielregeln es verlangen, sondern ein bisschen behäbig und nach Landwirtschaftsausstellung: Wir haben nicht nur Kartoffeln, sondern auch noch Rüben und Bohnen.

          Aber nicht nur die Erntehelfer der deutschen Literatur diskutieren unter www.faz.net/Buchpreis2008 mit unserem Lesern über die Shortlist und die Lage des deutschen Romans. Julia Franck berichtet von ihren Erfahrungen als Vorjahrespreisträgerin, ihr Kollege Michael Lentz fordert die sofortige Abschaffung des Deutschen Buchpreises, und der Lektor Wolfgang Matz spricht listig alle Juroren aller Literaturpreise von allen ihren Sünden frei: Wer frei von Sünde ist, darf bekanntlich mit Steinen werfen. Auf geht's.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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