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Die Schweiz und ihre „Verdingkinder“ : Verwahrlost

  • -Aktualisiert am

Während sie sich mit ihrer Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg immer schwertat, wird der Umgang der Schweiz mit ihren „Verdingkindern“ nun fast unheimlich rasant aufgearbeitet.

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          Es war für die Intellektuellen und Schriftsteller des Landes eine bittere Erfahrung, als sich die offizielle Schweiz mit ihrer Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg zu befassen begann: auf Druck von außen und erst, als es um Geld ging. Die Flüchtlingspolitik und der „Judenstempel“, die Erschießung der „Landesverräter“, das Gold der Nazis und die Deutschtümelei vieler Germanisten waren von ihnen ja längst thematisiert worden. Umsonst und vergeblich. Verbunden mit heftigen Angriffen gegen die „Nestbeschmutzer“. Noch übler wurde den Kritikern des Bankgeheimnisses mitgespielt - das jetzt nach dem gleichen Drehbuch fallengelassen wird.

          Während aber die Anerkennung einer Mitverantwortung für das Schicksal der Juden auf hartnäckigen Widerstand und antisemitische Vorurteile gestoßen war, wird nun der Umgang der Schweiz mit ihren „Verwahrlosten“ fast unheimlich rasant aufgearbeitet. Er zeugt von einem eidgenössischen Ordnungsfanatismus und helvetischen Faschismus, der im Land der Verschonten bis in die achtziger Jahre dauerte. Auf einer eindrücklichen Veranstaltung baten in Bern der Bauernverband und die Bischofskonferenz um Verzeihung. Buße tat auch die staatliche Fürsorge. „Wir können nicht mehr länger wegschauen“, erklärte die Justizministerin. Wer die Werke der Schriftsteller Mariella Mehr und Arthur Honegger gelesen hatte, wusste allerdings lange schon Bescheid. In „Die Fertigmacher“ beschrieb Honegger den Hunger und die Gewalt. Wie er vom Bauer beinahe totgeschlagen wurde. Auch Bernadette Gächter hat ihre Geschichte veröffentlicht: 1972 wurde sie aus eugenischen Gründen zur Abtreibung und Sterilisierung genötigt, wie sie in Bern erklärte.

          Insgesamt 700 Opfer waren gekommen. Sie berichten von der Ausbeutung auf den Bauernhöfen und sexueller Gewalt in den Heimen, von Zwangsadoptionen und „Maßnahmen zur Nacherziehung der Asozialen“. Es gab Internierungen ohne Urteil. Als „Müll der Gesellschaft“ wurden sie behandelt, als „Verdingkinder“ hat man sie bezeichnet: verdingte Kinder. Es gab Tränen und Bravorufe in Bern. Die Zeremonie steht nicht am Ende eines gesellschaftlichen Prozesses der Aufarbeitung. Sondern an seinem Beginn. Es geht um Tausende von Fällen. Ein Ombudsmann wurde eingesetzt. Die Opfer wollen endlich Einsicht in die Akten. Und nach der Anerkennung stellt sich die Frage der Entschädigung.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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