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Abstimmung mit Tunnelblick : Hütet euch am heiligen Gotthard!

Weltoffenheit ist in der Schweiz höchstens eine Sekundärtugend. Und wenn die Europäer nicht spuren, wird eben der Gotthard dichtgemacht. Bild: dpa

Die Schweiz stimmt über einen zweiten Gotthard-Tunnel und über die Ausweisung krimineller Ausländer ab – eine unnötige Gleichzeitigkeit, die das Land jetzt schon ins Delirium versetzt.

          Was ist ein Menschenleben wert? In der Schweiz und in harten Franken gerechnet, jedenfalls ein bisschen mehr als anderswo. Versicherungen sind manchmal gezwungen, sich auf eine Summe festzulegen. Auch bei der Sicherheit geht es um Geld und Leben. Drei Milliarden Franken würde der Bau einer „zweiten Röhre“ für den Autoverkehr durch den Gotthard kosten, über den die Schweizer am Sonntag abstimmen. Der bestehende Tunnel muss repariert und jahrelang geschlossen werden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Befürworter beschwören die Zugehörigkeit des Tessins zur föderalistischen Schweiz und den nationalen Zusammenhalt. Sie sind bemüht, den Anschein zu vermeiden, als möchten sie den Autofahrern und Lastwagen aus dem nördlichen Europa einen Boulevard durch die Alpen schaffen. Die Verkehrsministerin schwört: Es wird nicht mehr Verkehr geben, die zweispurigen Tunnels werden nur einspurig erfahren. Drei Milliarden für ein Nadelöhr, das klingt ein bisschen nach Seldwyla. In der Westschweiz, wo man die Staumeldungen vom Gotthard nur aus dem Autoradio kennt, fürchtet man, dass das Geld auf Kosten der Infrastruktur in der boomenden Genfer-See-Region fehlen wird.

          Die Gefahr im Tunnel ist nicht sehr groß. Ohne Gegenverkehr würde man die frontalen Kollisionen vermeiden. Menschenleben könnten gerettet werden: jeweils eines pro 75 Millionen Baukosten, haben Statistiker errechnet. In den letzten Tagen vor der Abstimmung häufen sich in den Zeitungen seitengroße farbige Anzeigen, auf denen ein Lastwagen in lodernden Flammen aufgeht. Es sind Aufnahmen aus dem Jahre 2001, als es im Gotthard zu einem Unfall kam, dem elf Menschen zum Opfer fielen: „Zweispurig bringt der Gotthard-Tunnel die Automobilisten in Lebensgefahr.“ Leib, Leben und Habe der Schweizer will die Schweizerische Volkspartei SVP auch mit der „Ausschaffung krimineller Ausländer“ schützen: Sie überfüllen die Gefängnisse und sind, laut Anzeigen, für rund siebzig Prozent der Morde, Vergewaltigungen und anderer Greueltaten verantwortlich. Der Landesverweis soll auch bei Bagatellvergehen ausgesprochen werden.

          Wer informiert abstimmen will, hat ein Lesepensum vor sich

          Im selben Abstimmungsgang müssen die Eidgenossen sagen, ob sie die „Spekulation mit Nahrungsmitteln“ verbieten wollen. Dann geht es auch noch um die Initiative „Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe“. Gegner sagen, dass reaktionäre Kreise aus der Kirche ein Verbot des Verbots der Ehe für alle verbieten wollen. Die Befürworter loben den Fortschritt und die Förderung der Frauen in der Wirtschaft. Es geht um Steuererleichterungen für 80000 Ehepaare im ganzen Land. Neutrale Experten sagen, beides stecke in dieser Vorlage. Aber auch sie müssen sich irgendwie entscheiden, wie alle Stimmbürger. Die amtlichen Unterlagen helfen weiter. Die Broschüre aus Bern, mit den sachlichen Darstellungen und den Empfehlungen der Parteien, umfasst 56 Seiten. In Genf muss der Bürger zusätzlich über acht den Kanton betreffende Angelegenheiten abstimmen, unter anderem über den Auszug der Armee aus dem Stadtzentrum, wo an Stelle der Kaserne Wohnungen gebaut werden sollen. Äußern soll er sich auch zur Unternehmenssteuer, zum Krankenversicherungsgesetz, zum Mieterschutz, zu sozialen Ergänzungsleistungen und zu einer Verfassungsänderung. Die Gebrauchsanweisung hat einen Umfang von 96 Seiten.

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