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Katastrophenfiktion : Die schrille Lust am Untergang

Wer in dieser zusammenbrechenden Welt überleben will, muss für das Ticket in die Arche eine Milliarde Dollar zahlen: Szenenfoto aus Roland Emmerichs Film „2012“ Bild: 2009 Sony Pictures Releasing GmbH

Warum stellen sich Film und Literatur die Zukunft so oft als Apokalypse vor? Die Literaturwissenschaftler Eva Horn führt in einem klugen Buch durch die Katastrophenszenarien unserer Zeit.

          Es liegt auch im Weltuntergang eine Art Trost. Was stört am Tod, ist ja weniger das Ende der eigenen Existenz als das rücksichtslose Überleben der anderen. Das macht den Gedanken an eine Zukunft ohne den Menschen attraktiver als den an eine Menschheit ohne die eigene Person. Der Weltuntergang - ein Idealfall vollständiger Inklusion. Hans Blumenberg hat diesen Gedanken als Erster formuliert.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist ein koketter Gedanke, der genau das Übermaß an Kultur über das Existentielle zeigt, das in der Katastrophe so leicht über Bord geworfen werden soll. Und er wäre nicht so verlockend, gäbe es nicht noch einen Beobachter zweiter Ordnung, der, einsam über die Savannen streifend, die Ruinen der Zivilisation in stoischer Ruhe betrachtet. Dieser letzte Mensch gehört zum Stammpersonal der Katastrophenfiktionen, die Kino und Literatur in letzter Zeit verstärkt heimsuchen.

          Die Wiener Literaturwissenschaftlerin Eva Horn hat diese Katastrophenschwemme durchgearbeitet und zu einer gewichtigen Studie gebündelt, die von den romantischen Untergangsvisionen über die Planspiele des Kalten Krieges bis zu den Blockbustern des Hollywoodkinos reicht. Am Ende steht Cormac McCarthys Roman „The Road“ (2006), in dem ein Vater mit seinem Sohn durch eine aschgraue postapokalyptische Landschaft stapft.

          Katastrophenkonsum im Kinosessel

          Die ersten Fragen liegen auf der Hand: Warum stellt sich die Gegenwart die Zukunft so gern als Schreckensbild vor? Und weshalb erscheint die Welt nach dem Untergang so oft als grasiges Idyll? Horn gibt zwei Antworten: Erstens steht die Katastrophenflut für die Abrechnung mit der Modernisierungstheorie und ihrem Fortschrittsglauben. Zweitens geht es um Katastrophenkonsum im Kinosessel. Wir genießen den wohligen Schauer, wenn die Welt auf der Leinwand in Schutt und Asche gelegt wird, und hoffen, dass die wirkliche noch etwas bleiben darf.

          Vorrangig geht es Horn aber um die überlegene Erkenntnis der Katastrophenfiktion. Über das Weltende und die Zeit danach kann schließlich nur das fiktionale Genre etwas sagen. Diese Vorstellungen sind keine freie Phantasie, sie verändern ihre Form mit dem Stand des Wissens, nehmen aktuelle Ängste vor Epidemien, Klimaveränderungen, knappen Ressourcen auf und sagen etwas über latente Gefahren und existentielle Werte, wo andere Gattungen schweigen müssen. Die Unruhe über das Hypothetische der Zukunft zu beruhigen ist nicht die unwichtigste Funktion.

          Der letzte Mensch ist ein Bösewicht

          Horn lässt diese Unruhe vor gut zweihundert Jahren beginnen, als die Aufklärung den eschatologischen Rahmen durchbrach und die Zukunft in die Hand des Menschen legte. Vorbei war es mit Schicksal und letztem Gericht. Die Aufklärung knüpft daran große Hoffnungen, die Romantik erschrickt über den leeren Horizont. In gebotener Drastik formuliert es Lord Byrons Langgedicht „Darkness“, ein dunkler Albtraum mit düsterer Aussicht: Der letzte Mensch erweist sich als wild um sich beißender Kannibale.

          Die Katastrophe wird weltlich. Schon in Byrons Unheilspoesie floss reale Erfahrung ein: Das Entstehungsjahr 1816 war von ungewöhnlichen klimatischen Schwankungen durchzogen. Ganz in der Regie des Menschen ist die Zukunft schon in François des Grainvilles Roman „Le dernier homme“, in dem sich die Titelfigur zum Fortpflanzungsverzicht entschließt, in der Ahnung, ein möglicher Nachfolger werde nur noch böser sein.

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