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Kolumne „Bild der Woche“ : Salz der Erde

  • -Aktualisiert am

Mondlandschaft? Fossil? Oder Darm? „BaySalt5837“ von Thomas Heinser Bild: Thomas Heinser

Die Fotografien von Thomas Heinser erzeugen eine irritierende Paradoxie, ganz so wie Landkarten: Je größer der Maßstab, desto tiefer schauen wir in eine Mikrowelt. Und auch in die Tiefe unseres Körpers.

          Ein blutiger Fluss? Adern? Eine außerirdische Landschaft? Ein feuerspeiender Drache? Ein japanisches Aquarell?

          Ein quadratisches Bild auf mattem Papier. Es erinnert an zu viele Dinge, und zugleich lässt es den Kopf ganz leer für die Beobachtung, so dass man lange Zeit und noch länger schweigen möchte, um dann einen Absatz für die Stille anzuschließen. Für die Pause.

          Zwei parallele Linien laufen quer durch die Mitte und teilen das Bild.

          Sie erinnern an Streifen auf den Gemälden von Mark Rothko, die seine Bilder in Segmente von verschiedenen Farben teilen. Verflochtene Strukturen in Weiß, die niemals zu einem regelmäßigen Muster werden. Leichte blaue Schattierungen: eine Mondlandschaft, ein Fossil, oder doch ein Darm? Das Rote fesselt, führt ins Konkrete des menschlichen Körpers und ins Abstrakte der primären Farben. Man folgt den Blutgefäßen, die sich wie Flüsse schlängeln, man folgt den Flüssen, die wie Blutgefäße pulsieren. Ein nicht geschlossener roter Kreis links, wie ein Schlangenkopf. Ein Plexus aus Kapillaren rechts, ein Bluterguss, ein Bäumchen. Ist das eine Landkarte? Ein durch ein Mikroskop betrachtetes Lebewesen? Vielleicht ist es schon die Urform des Quadrats an sich, die unseren Blick ins Zentrum navigiert und uns direkt zum Quadrat von Malewitsch führt, das die Kunst selbst zu eliminieren suchte. Ein Blick des Schöpfers. Die Erde ist rund.

          Es war am siebten Tage, an dem man spazieren wollte, einen Fluss entlang zum Beispiel, dem eigenen Instinkt und dem Wetter folgend. Ich ging am Kreuzberger Landwehrkanal entlang und dachte, dass an einem solchen Tag einfach alles in Einklang kommt, vollendet, in diesem herbstlichen Sonnenlicht, dass sich Wunsch und Wille, Natürliches und Konstruiertes, zusammenfinden, heute, auf einem städtischen Spaziergang. Keine Sekunde lang dachte ich an die Toten im Kanal, ich dachte an überhaupt keine Toten, obwohl es der Tag des letzten Gerichtes, der Tag der Reue und Versöhnung war, der Jom Kippur des Jahres 5778, den ich nun zum ersten Mal für mich wahrgenommen habe. Lange stand ich an einer Brücke, grellgelbe Züge fuhren vorbei und spiegelten sich im Kanal zur Verstärkung des Herbstes.

          In einem Häuschen am Ufer stieß ich auf eine Foto-Ausstellung, die wie aus der Umgebung entstanden war oder aus dem Spiel „Stadt, Land, Fluss“. Die Fotos zeigten braune Wasserflächen, zerborstene Brücken, die ihre geraden Strukturen über die flimmernden Kräusel der Gewässer ausstrecken, ein Knäuel von in sich selbst verflochtenen Straßen, das wie ein wachsender Organismus erscheint. All diese Bilder hat der Fotograf Thomas Heinser in der Bucht von San Francisco gemacht.

          Die Fotos erzeugen eine irritierende Paradoxie, ganz so wie Landkarten: Je größer der Maßstab, desto tiefer schauen wir in eine Mikrowelt und auch in die Tiefe unseres Körpers.

          Auch dieses Foto zeigt eine Saline, die von speziellen Bakterien bewohnt wird, südlich von San Francisco, das Eden (sic!) Landing Ecological Reserve. Man sieht diese Salzgewinnungs-Teiche, wenn man mit dem Flugzeug die Stadt anfliegt. Seit zwölf Jahren fotografiert Thomas Heinser in der Bucht von San Francisco – Brücken, Straßen, Salzteiche – und immer aus dem Hubschrauber aus einer Höhe von 300 bis 500 Metern. Früher hat Heinser kommerzielle Fotos für Fluggesellschaften gemacht, für Bombardier und Netjets zum Beispiel. Nun finden sich die Makro- und Mikro-Welten durch den Blick eines Fotografen zusammen, um den schöpferischen Überblick zu gewinnen. Und so wird eine Verflechtung der göttlichen Schöpfung mit der menschlichen Gestaltung in einem Muster offenbart.

          Hier, in „Eden“-Salinen, wird das Speisesalz gewonnen. Die sauerstoffreichen Bakterien färben das salzhaltige Wasser so intensiv rot. Die Prozesse, die dadurch entstehen, stellen eine einfache und vermutlich ursprüngliche Art der Photosynthese dar. Photosynthese und Fotografie kommen zusammen, denn dieser Prozess ähnelt dem Verfahren der Entwicklung von Fotografien. Die Farb-Pigmente sind so hoch konzentriert, dass sie kleine Krebse färben und sogar die Flamingos, die ihrerseits Krebse fressen. In „Eden“ gibt es keine Flamingos, aber ihre verdunstete Farbe, die aus diesem Bild entstehen könnte, schwebt in meinem Kopf.

          Wir bewegen uns über eine von Menschenhand geschaffene beziehungsweise ruinierte Landschaft, die durch die Natur zurückerobert wird und in der sich eine neue Biosphäre bildet. Auf dem Foto steht die Nummer 5837, als wäre es ein Jahr aus der Zukunft. Ich schaue auf die Berliner Adresse der Ausstellung „About Water“: „Waterloo Ufer (ohne Nummer), am Landwehrkanal“. Konkrete Geschichte, die Tiefe der Bilder: So reimt sich auch unser feuriger Fluss mit dem apokalyptischen allfressenden Feuer, das gerade diese Woche bei San Francisco ausgebrochen ist.

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