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Kolumne „Bild der Woche“ : Leinwand des Lebens

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Robert Frank: "Trolley - New Orleans, 1956", aus der Sammlung "The Americans"; © Robert Frank; Courtesy Pace / MacGill Gallery, New York, Sammlung Fotostiftung Schweiz, Winterthur und Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern Bild: Siehe Bildunterschrift

Ein Schweizer, die Vereinigten Staaten und 83 Fotografien: Robert Frank hat mit seinen Bildern „aus Amerika ein trauriges Gedicht gesogen“, schrieb Jack Kerouac. Über einen Bus in New Orleans – und den demokratischen Blick.

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          Zuerst dachte ich kurz, ich sähe einen Filmstreifen, es fehle nur die Perforierung. Man kann das Bild mit einem Blick nicht erfassen, streift von einem Fenster zum anderen, schaut in die Gesichter der Reihe nach. Aus jedem Fenster schaut einem ein eigenes Leben entgegen, wie eingerahmt, als wäre ein Fenster ein Bildausschnitt für sich. Je genauer man die Gesichter betrachtet, desto vertrauter wirken sie, in ihrer Einmaligkeit, Fremdheit, in unserem gemeinsamen „Nimmerwiedersehen“: der Mann hinter der Scheibe, die strenge Dame, die aufgescheuchten Kinder, der Mann mit dem flehenden Blick, die Frau, die lächelnd zur Seite schaut. Ein Querschnitt der Gesellschaft fährt an uns vorbei, wie eine Porträtgalerie on the road. Hier wird zugleich Bewegung und Zeit eingefangen, in diesem Bus von New Orleans.

          Mitte der fünfziger Jahre bekommt Robert Frank, ein junger Fotograf aus der Schweiz, ein Guggenheim-Stipendium. Es ermöglicht ihm, eine Reise durch achtundvierzig der Vereinigten Staaten zu unternehmen, um einen umfassenden „Bildspeicher aller amerikanischen Dinge“ zu erstellen. Er macht mit seiner kleinen Kamera 30.000 Bilder, unter dem großen Einfluss von Meister Walker Evans. Fotografie wird zur spirituellen Praxis, nicht nur Quelle für historische oder soziologische Beobachtungen.

          Frank wählt 83 Fotos für das Buch aus, das 1959 erscheint. Der Bus kommt aufs Cover. Erstaunlich: Es ist das einzige so geometrisch aussehende Foto, in dem Menschen frontal gezeigt werden. Und vielleicht auch das einzige, das wie ein laufender Film aussieht, wie ein Roadmovie, in dem viele mitfahren dürfen.

          „The Americans“ wird eines der einflussreichsten Fotobücher überhaupt, und gilt jetzt als Werk, das zeigt, was die Vereinigten Staaten wirklich ausmacht. Anfangs jedoch fand es keinen Verlag, die Bilder seien zu kritisch, hieß es. In der Tat offenbaren sie die Kluft zwischen realem Leben und dem „American Dream“.

          „Er hat aus Amerika ein trauriges Gedicht gesogen“, schrieb Jack Kerouac in seinem Vorwort zu „The Americans“, zwei Jahre zuvor hatte der „On the Road“ veröffentlicht – und in den Bildern von Frank sein eigenes Amerika jenseits von Establishment, propagiertem Traum und offiziellem Patriotismus erkannt. Kerouac, der König der Reisenden ohne Ziel, bejubelte den Glücksfall, in diesem jungen Mann aus dem ermüdeten Nachkriegseuropa einen Seelenverwandten für die Wiederentdeckung Amerikas gefunden zu haben.

          Sein kurzer, atemberaubender Text ist ein Manifest, eine Ode an die Bilder von Frank, an die Orte und ihre Menschen, an diesen endlosen Raum, an die alltäglichen Dinge, die niemals banal sind. Gepriesen sei der Alltag in der amerikanischen Provinz: Rodeoreiter und Verkäuferinnen, Fabrikarbeiter und diese unvergessliche schwarze Krankenschwester mit einem weißen Baby, Jukeboxes, Särge, Autos. Der Moment, der Mensch, die Straße wurden von den Beatniks in ihrer transzendenten Einmaligkeit aufgelöst. Frank suchte in seinen Fotos dasselbe.

          Er steht stets hinter oder neben den Menschen, simuliert den Blick aus der Menge, als gäbe ihm die Rolle des Fotografen keinen Anspruch darauf, im Zentrum des Geschehens zu stehen. Er ist Teil der Straße, er registriert nicht das gewöhnlich Repräsentative: Seine Menschen drehen sich um, blicken zur Seite, laufen durchs Bild, kommen aus dem Nebel. Schiefe Ebenen, abgeschnittene Figuren, Unschärfen zollen auch dem Surrealismus Tribut, aber im Buch wirkt dieses Verfahren wie ein Mittel zur Demokratisierung des Blickes.

          Weiße vorn, Schwarze hinten

          In diesem Bus sitzen die weißen Menschen vorne und die schwarzen hinten. Wir sind Zeugen von ethnischer Trennung, und folgen dabei den Rhythmen des fotografischen Schwarz-Weiß, in dem auch die Hautfarbe einem kompositorischen Verfahren dient. Die weiße Tüte in der Hand des Kindes, die weiße Bluse der Dame dahinter, der weiße Fleck im oberen Fenster links . . . Im Dezember desselben Jahres beginnt Rosa Parks ihren beispiellosen Boykott für die Gleichheit des Fahrens. Der Bus fährt durch die McCarthy-Ära am Anfang der Bürgerrechtsbewegung, vorwärts in die Zeit politischen Aufbegehrens, in der die Menschen sich selbst, ihre Orte, ihre Rechte als Heimat wiederfinden, in einer anderen Form des Patriotismus.

          Auch deswegen wirkt dieses Foto so verblüffend nostalgisch, denn der Aufbruch der folgenden Jahre scheint endgültig vergangen zu sein. Im oberen Streifen spiegelt sich die Straße, vage, spannend, unlesbar. Beim ausführlichen Betrachten bekommt man das Gefühl, man stehe auch dort, als Teil dieses Films in einem Raum mit den Busfahrenden von damals.

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