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Bild der Woche : Sehr weiß und ungeheuer oben

  • -Aktualisiert am

„Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah, war sie nimmer da.“ (Brecht) Bild: Katja Petrowskaja

Der Himmel ist für alle da. Das fällt umso mehr auf, seit das Coronavirus den Bewegungsradius der Menschen verkleinert hat. Nur manchmal hat eine Wolke etwas gegen diese überirdische Sicht.

          2 Min.

          Einst haben die Götter in den Wolken gelebt und mit Nachsicht auf uns hinabgeblickt. Sie versteckten sich hinter den Wolken und waren für die gesamte Meteorologie verantwortlich. Sie haben das Wetter gemacht. Die Ereignisse im Himmel waren Quelle der Mythologie. Der Glaube schöpfte sich aus diesem himmlischen Wegweiser, in Vorahnung einer Erscheinung, einer Epiphanie.

          Man muss nicht unbedingt kurzsichtig sein, um zu sehen, wie aus den Wolken Engel geboren wurden, wie die Prinzessinnen ihre Kissen ausschüttelten und wie der alte Mann an Feiertagen die müden Füße aus den Wolken baumeln lässt. Da oben verschwindet die Deutlichkeit des irdischen gegenständlichen Lebens, denn dort oben fließt alles wie in einem Ozean. Auch eine dichte undurchsichtige Wolke, die aus kondensiertem Nebel besteht, aus Materie, verändert sich in wenigen Sekunden, eine Metamorphose, die jeder kennt.

          Wenn man auf die Wolken schaut, landet man sofort im Himmel, ohne Leiter, ohne Flügel. Man wird selbst zur puren Phantasie, im Schauen verharrend. Ein Blick dahin – und der festgeschnürte Körper verliert bereits seine Eindeutigkeit, fängt an zu schweben. Geerdete Gedanken lösen sich von der Schwerkraft und schwingen sich mit dem Blick empor.

          Ich schaue auf diese Wolke, und alles Schwere in mir wird bedeutend und leicht, das Einsame wird zum Einzigen. Wie schauen durch sie hindurch, auf die ganze Breite des Himmels, in seine Unendlichkeit. Die Landschaft müssen wir betreten, „aber der Himmel wölbt sich über alle“, bemerkte der scharfäugige Kunsthistoriker John Ruskin.

          Der Himmel ist für alle da. Dies war besonders merkbar, als wir in den letzten Wochen auf unsere kleine Umgebung reduziert waren. Ich genoss die Bedächtigkeit der Stadt, und doch versank ich im Kummer, wie in einen Trichter, angesichts des quälenden Weltgeschehens. Ich ging häufig in den Park, da waren Bäume, die ich bald besser kannte als meine Freunde. Dort stand auch eine zusammengewachsene Tanne mit zwei Kronen. Genau diese Botin der Zweisamkeit schob sich zufällig ins Bild, als ich die einsame Wolke fotografierte.

          Ich lag im Gras unter prallblauem wolkenfreien Himmel, nicht weit von einem Monument im Volkspark Friedrichshain, an dem die Worte „Für eure und unsere Freiheit“ in Granitbuchstaben ausgemeißelt sind. Ich lag und las, die anderen spazierten oder joggten, und die Anwesenheit des Slogans hatte aus uns beinahe Freiheitskämpfer der Natur gemacht. Plötzlich legte sich ein Schatten über mich und brachte Kälte. Dies kam so unerwartet, dass ich rasch aufsprang, als hätte mich etwas bedroht, als wäre ein Unglück über mich hereingebrochen und ich müsste mich schützen.

          Die Sonne verschluckt

          Ich starrte in den Himmel: Die Sonne war von dieser kleinen strahlenden Wolke überdeckt. Als ich sie sah, war ich etwas verärgert, so niedlich und zahm war sie, dabei hatte sie die Sonne verschluckt, wie ein Krokodil in einem Kindermärchen. Mit ihrer idealen Form erinnerte sie an etwas Ursprüngliches, an einen Einzeller, ja, an das Pantoffeltierchen. Mir fehlten noch die Hausschuhe im Himmel!

          Ich machte meinen shoot aus dem Schatten. Die Wolke lächelte unschuldig und zahnlos, ich strahlte ihr aus ihrem Schatten entgegen. Ich habe sie nur fotografiert, dabei war ich so froh, als hätte ich sie selbst erschaffen. Oder gilt dies nun als „himmlisches Telefonat“, weil ich sie mit dem Telefon fotografiert habe? Ich war die Einzige, die auf die Wolke starrte, stehend, weil sie die Kälte schickte – um mich zum Aufstieg zu verleiten –, und ich erhob mich, und das auch nur, weil ich schnell friere. Vielleicht sind Wolken nur für Bedürftige da? Sie löste Sorgen aus, um dann alle Sorgen aufzulösen.

          Eine Wiege für das Herz

          Im ganzen Himmel war sie allein, leicht wie eine Feder, mächtiger als die Sonne, eine Wiege für mein Herz, beschwichtigend war sie und frech, und ich wollte sie in den Schlaf wiegen, einlullen.

          Aber sie verweilte nicht in der Wiege: Im nächsten Augenblick löste sie sich nach oben, dehnte sich und wurde selbst zu einem eng eingewickelten Kind, wie bei Giovanni Bellini. Dann durchbrach sie alle Formen, und in wenigen Sekunden wurde sie zu einem durchsichtigen und leichten Herzen, das sich mit einem Atemzug in Fasern und Flocken auflöste und schnell verschwand.

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