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Gena Rowlands wird 90 : Beweglich in ihrem Eigensinn

Echte Kinoklassik: Die Schauspielerin Gena Rowlands wird neunzig. Bild: AP

Gena Rowlands kam Ende der Vierziger aus Wisconsin nach New York. Mit ihrem Wechsel vom Theater zum Film läutete sie die Ära des neuen Kinos ein. Jetzt wird sie 90.

          3 Min.

          Gäbe es nur einen einzigen Film mit Gena Rowlands, und dieser wäre „Eine Frau unter Einfluss“ und stammte aus dem Jahr 1974 – sie stünde mit ihrer Rolle dort in einer Reihe neben den Leinwandgöttinnen aus Hollywood der vorangegangenen Generation, Bette Davis oder Joan Crawford. Nur dass Gena Rowlands vollkommen modern ist, und das bis heute. Aber es gibt eine Spur von Glamour aus jener damals schon alten Zeit in ihrem Spiel. Auch das macht sie so außergewöhnlich.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Gena Rowlands betritt diesen Film nicht, sie rennt förmlich in ihn hinein, und dann stemmt sie sich gegen die Zumutungen der Welt, gegen die Familie, den liebenden Ehemann, gegen das Haus, das sich mit Schiebetüren und einem hochklappbaren Bett vor ihren und unseren Augen verändert.

          Das hohe Tempo hält sie auch in jenen Augenblicken durch, in denen sie ruhiggestellt ist. Dann sind es die Augen, mit deren nervösen Bewegungen sie sich dem Stillstand entzieht. Ihr Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten ist unerschöpflich. Mit ihrer Stimme, deren weicher Dreh aus dem amerikanischen Mittleren Westen stammt und die Ränder der Wörter und Sätze verschleift, kann sie zischen und klagen, singen, wispern, brüllen, krächzen, manchmal fleht sie, bis sie japst, oder sie ruft, bevor sie flüstert, zu sich selbst murmelt und schließlich schweigt.

          Sie nahmen kein Geld von den Studios

          Da ist noch nichts gesagt über ihre Bewegungen, darüber, wie sie ihr Gesicht einsetzt, ihren Körper. Sie lächelt, kräuselt die Nase, reißt die Augen auf oder kneift sie zusammen, um dem aufsteigenden Rauch ihrer Zigarette zu entgehen, verzieht den Mund nach rechts und links und auch nach unten, flirtet aus den Augenwinkeln, zieht eine Schnute, blinzelt, schmollt. Sie tanzt, rast, krabbelt, dreht sich, fällt, springt, rennt im Kreis, stiefelt die Treppe hoch, setzt sich, steht auf, legt sich aufs Bett, kommt kurz zur Ruhe und hält das gleich nicht mehr aus. Das alles ist Gena Rowlands in diesem einen Film über „eine Frau unter Einfluss“.

          Sechsundvierzig Jahre ist das her, und heute wirkt diese schmerzhaft rohe, technisch brillante Darstellung von Mabel, einer Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, noch immer schockhaft. Ihr Gegenüber ist Peter Falk in der Rolle von Nick, Mabels Ehemann, zu sehen, und manchmal ist seine Verwunderung über das Tempo zu spüren, mit dem Gena Rowlands von einem Gefühl, einem Zustand in einen anderen wechselt. Ist das großartige Schauspielkunst? Oder doch vor allem das Werk des Regisseurs, das Werk von John Cassavetes, Ehemann von Gena Rowlands bis zum seinen Tod im Jahr 1989, mit dem sie acht Filme drehte, den ersten, „Shadows“, bereits 1959?

          Beides lässt sich in diesem Fall noch viel weniger trennen als in ähnlichen Konstellationen, Ingmar Bergman und Liv Ullmann etwa. Gena Rowlands und John Cassavetes haben das unabhängige amerikanische Kino erfunden, und zwar tatsächlich gemeinsam. So sieht es ihr Bewunderer Martin Scorsese, und ein Widerspruch dagegen ließe sich schwer begründen. Sie nahmen kein Geld von den Studios (und hätten vermutlich auch keines bekommen), vielmehr verdienten sie ihre vergleichsweise minimalen Budgets mit Rollen in Fernsehproduktionen.

          Beginn eines neuen Kinos

          Einige, die heute noch im Netz zu finden sind, widerlegen die Behauptung, das Fernsehen sei erst kürzlich als Qualitätsmedium erfunden worden. Etwa „Strangers: The Story of a Mother and Daughter“ von 1979, eine Fernsehproduktion, die Gena Rowlands und Bette Davis zusammenbringt. Hier lässt sich im direkten Vergleich beobachten, wie sich zwei Stars aus verschiedenen Epochen der Filmgeschichte ebenbürtig gegenüberstehen, und wie sinnlos es wäre, zu bedauern, dass die eine Art, stilvoll ein Star zu sein, mit Bette Davis unterging. Denn was folgte, war diese Frau, die hier noch die Tochter spielt.

          Gena Rowlands kam Ende der Vierziger aus Wisconsin nach New York, spielte erst Theater (und später immer wieder), bis sie mit John Cassavetes begann, Filme zu drehen, acht waren es am Ende insgesamt. Klassiker wurden sie alle, mit „Shadows“ aus dem Jahr 1959 angefangen, „Faces“, dem Mafiafilm „Gloria“.

          Klassiker, weil diese Filme der Beginn eines tatsächlich neuen Kinos waren, in dem der künstlerische Ausdruck, das Eigene, Eigensinnige über der Marktgängigkeit stand. Und dass dieses Kino auf eine Schauspielerin wie Gena Rowlands zählen konnte, das war für alle damals, und alle, die folgten, ein großes Glück. Heute wird sie neunzig.

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