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Die Rolle des Adels im „Dritten Reich“ : Wir waren alle im Widerstand

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Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 Bild: picture-alliance / dpa

Heute jähren sich das Attentat und der Staatsstreich vom 20. Juli. Der Historiker Stephan Malinowski über die Rolle des Adels beim Aufstieg der Nationalsozialisten, über eingebildete Eliten - und die Frage, warum man immer auf der richtigen Seite war.

          6 Min.

          Die Nazis waren Pack, die vornehmen Leute wollten damit nichts zu tun haben, der Adel war im Widerstand: Darauf scheint, verkürzt und zugespitzt, der herrschende Konsens hinauszulaufen.

          Diese Vorstellung ist doppelt falsch. Die Nationalsozialisten verstanden sich als Avantgarde einer künftigen Volksgemeinschaft, woran zumindest eines richtig ist: alle Schichten waren in der NS-Bewegung vertreten. Und dass Adel gleichbedeutend wäre mit Reichtum, Bildung, Macht, das stimmte im 20. Jahrhundert längst nicht mehr; er sah sich nur so, auch wenn höchstens zwanzig bis dreißig Prozent wirklich über Reichtum und Macht verfügten.

          Und die verabscheuten die Nazis?

          Es ist komplizierter, weil der Adel eine sehr heterogene Schicht ist. Generell kann man aber sagen, dass Adel und Nationalsozialisten sich aufeinander zu bewegen. Das ist eine Geschichte, die lange vor 1933 beginnt.

          Allgemeine Sympathie für den Aufsteiger, der von oben kam: Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg
          Allgemeine Sympathie für den Aufsteiger, der von oben kam: Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg : Bild: dpa

          Wo trifft man sich?

          Es beginnt schon im Kaiserreich, bevor es den Nationalsozialismus überhaupt gibt. Die sogenannten völkischen Bewegungen und große Teile des Adels haben schon mal eines gemeinsam: den Antisemitismus. Dann, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Sturz der Monarchie, trifft man sich im militärischen Milieu. Und man trifft sich bei den Leuten, die Adolf Hitler beibringen, wie man ein Fischmesser benutzt und wann man Rotwein zum Essen bestellt.

          . . . den Bruckmanns, den Bechsteins, der Münchner Großbourgeoisie . . .

          . . . die sich zum Adel aber hingezogen fühlte und ihn einlud in ihre Salons.

          Was haben aber die Nazis zu bieten?

          Sie haben gemeinsame Gegner, und der Feind meines Feindes ist mein Freund. Sie sind gegen die Republik, gegen den Sozialismus und die organisierte Arbeiterbewegung, sie mögen den modernen, urbanen Lebensstil nicht. Und sie haben etwas gegen die Juden.

          Ist das schon alles?

          Zum Ende der zwanziger Jahre hin identifiziert man gemeinsame Ziele: die Sprengung des Versailler Vertrags, den Ausbau der auf 100.000 Mann beschränkten Reichswehr, die ja traditionsgemäß die Versorgungsinstanz für die nachgeborenen Söhne war. Noch wichtiger waren vielleicht die sogenannten Fideikommisse, eine sehr preußische Besitzform, die die Zersplitterung des Großgrundbesitzes auf dem Weg der bürgerlichen Erbteilung verhindern sollten. Die Weimarer Reichsverfassung hatte diese Besitzform angegriffen, mit den Nationalsozialisten verband sich im Adel die Hoffnung, dass alles beim Alten bleiben würde.

          Und diese Interessen waren stärker als der Abscheu vor diesen vulgären Leuten? Es gab ja auch einen starken egalitären Zug: Wenn wir unsere braunen Hemden tragen, gibt es keine Klassenunterschiede mehr.

          Der Begriff Volksgenosse bedeutet strenggenommen: Jeder echte Deutsche ist gleich viel wert, und es gab Nazis, die das genau so sahen. Zugleich war aber das Gerede von der Volksgemeinschaft ein Schlaflied für die Massen. Natürlich gab es ein Oben und ein Unten. Die SS war ein attraktives Angebot für den Adel: schicke, schneidige Uniformen und die Verheißung, zur künftigen Elite zu gehören. Auch den dümmsten Adeligen war wohl klar, dass, anders als im 17. Jahrhundert, nicht mehr 0,8 Prozent den ganzen Rest des Volkes beherrschen konnten. Die Haltung war die: Wir sind nur noch ein Teil der herrschenden Elite, aber wir sind dabei. Wir sind im Staatsdienst, wir dominieren die Diplomatie, und im Offizierscorps werden wir weiter dominieren.

          Spielte das Legitimitätsprinzip keine Rolle? Nach aristokratischen Kategorien war ein sogenannter Führer kein legitimer Herrscher.

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