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Die Regeln der anderen : Benehmt euch!

  • -Aktualisiert am

Nichts bewegt derzeit den französischen Bürger so sehr wie die Rücksichtslosigkeit im Alltag. Wer trägt die Schuld am Verfall der Sitten?

          Die größte Sorge der Franzosen mitten in der Finanz- und Euro-Krise ist nicht das Geld, das ihnen ausgeht. Es ist auch nicht die Zeit, die ihnen chronisch fehlt. Der Mangel an beidem war über Jahre hinweg der Dauerbrenner der Umfragen zu den privaten Stressfaktoren im Alltag. Nach ihnen gehörten die öffentlichen Transportmittel sowie der Lärm zu den klassischen Antworten. Doch in der jüngsten Ergebnisliste steht ein neues Thema ganz oben: „der Mangel an Savoir-vivre, die Rücksichtslosigkeit der Menschen“. Auf der Straße, vor den Schaltern, in den Zügen, Schulen und Krankenhäusern gehen die Umgangsformen verloren. Die Pariser Verkehrsbetriebe RATP - zehn Millionen nutzen sie jeden Tag - beklagen den Vandalismus und die Beschimpfungen ihrer Angestellten schon länger. Sie haben dem Problem das Internetportal „Lieber Nachbar im Verkehr“ gewidmet.

          Alle sind nur Opfer

          Es geht um das Nasebohren und das Hineinquetschen in die vollbesetzten Waggons, deren Passagiere noch nicht einmal ausgestiegen sind. Sein Erfolg ist zum gesellschaftlichen Phänomen geworden, dessen Deutung die Chefs über Straßen-, U- und S-Bahn zwei Soziologen anvertraut haben. Ihr Bericht ist gerade erschienen: „Der Erfolg der Homepage zeigt, dass die Franzosen mehr Autorität wollen und mehr Regeln im Zusammenleben.“ Eigentlich sind diese bekannt. Und notwendiger als Autoritäten wären zweifellos Vorbilder. Doch der Staatspräsident selbst scheint mit seinem gelegentlich flegelhaften Benehmen den Niedergang der manchmal etwas steifen französischen Höflichkeit und ihrer Kultur zu illustrieren. Wir haben in Deutschland, England und sogar in der Schweiz Ähnliches beobachten müssen.

          Aber in Frankreich hat man zumindest noch ein einigermaßen intaktes Stilgefühl. „Vielleicht weil die guten Manieren zu unserer Kultur gehören“, sinnieren die Soziologen. Und machen im täglichen Ärger der Metro-Benutzer die politische Hoffnung auf eine „Rehumanisierung der Gesellschaft“ aus. Doch in ihrem aktuellen Rollenverständnis sind alle Opfer und die Unhöflichkeiten immer jene der andern. Deshalb wird die Anzeigenkampagne für die Umerziehung der Benutzer, die mehr als eine Million kostet, wohl wirkungslos bleiben. Bei der Post indes hat man eingesehen, dass der verbale Protest der Benutzer nicht immer unbegründet war. Man versucht nun, den Sittenverfall am Schalter auch mit besseren Dienstleistungen und kürzeren Wartefristen zu bekämpfen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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