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Beethoven-Laienspiel Die Queen sagt ab

Vor 174 Jahren ereignete sich in Bonn unter den Augen Queen Viktorias Unerfreuliches bei der Enthüllung des Beethovendenkmals. Ihre Nachfahrin hat nicht vor, einer Nachstellung der Vorkommnisse beizuwohnen.

Von Patrick Bahners

Die Queen im rahmen ihres alljährlichen Sommerurlaubs auf Balmoral
© dpa
Die Queen im rahmen ihres alljährlichen Sommerurlaubs auf Balmoral

Die Stadtkapelle war geholt worden. Der Männergesangverein war angetreten. Die Polizei bildete Spalier. Von den Bürgern der Stadt Bonn wurde die fürstliche Besucherin so empfangen, wie es ihrem Bankkonto, nein, ihrer Bedeutung gebührte. Auf Spenden aus der königlich-britischen Schatulle war man in Bonn nicht mehr angewiesen, als Königin Viktoria und ihr Gemahl Prinz Albert am Morgen des 12. August 1845 mit der Köln-Bonner Eisenbahn eintrafen, um dem Andenken Ludwig van Beethovens durch ihre Anwesenheit bei der Einweihung von dessen Denkmal die allerhöchste Ehre zu erweisen.

In Köln hatte Viktoria die armen Schelme vom Domverein enttäuscht, für die sie nur 500 Pfund übrig hatte: Seht mal, Madame Knauserig! Die Bonner Bronzestatue war ausfinanziert, der Bildhauer Ernst Julius Hähnel konnte die 6000 Taler in Empfang nehmen, die ihm von seinem Honorar von 10 640 Talern noch auszuzahlen waren, auch wenn ihn laut Ludwig Rellstab das wohllöbliche Komitee für Beethovens Monument bei der Quittierung wie einen Schuster behandelte.

Not amused

Den Löwenanteil der Kosten hatte das berühmteste Mitglied des Komitees übernommen, Franz Liszt, der dafür das Festkonzert in Anwesenheit der Majestäten leiten durfte und die von ihm zu diesem Anlass komponierte Kantate gleich zweimal dirigierte, weil die Höflichkeit der Könige zu wünschen übrig ließ. Sollte die Verspätung eine Retourkutsche gewesen sein?

Die Szene von der unerfreulichen Überraschung bei der Enthüllung ist bekannt. Rellstab berichtete: „Als der Wind den Festredner aus dem Texte gebracht, fand dieser es für gut, das Zeichen zur Entmantlung des Standbildes zu geben – der Mantel fiel und sieh da, die Statue drehte den Majestäten den Rücken.“ Genauso beschrieb Viktoria in ihrem Tagebuch, was sie vom Balkon des Fürstenbergischen Palais, des späteren Hauptpostamts, zu sehen bekam: „Als die Statue enthüllt wurde, drehte sie uns unglücklicherweise den Rücken zu.“

Nicht das einzige Unglück: Mit demselben Adverb bekundete die Tagebuchautorin, dass ihr missfallen hatte, wie wenig Beethoven das Festkonzert bot. Nike Wagners Beethovenfeste würden sie nicht amüsieren! Am 16. August des Beethovenjahrs 2020 wollen 35 rheinische Heimatvereine die Festlichkeiten des 12. August 1845 nach den Regeln der historischen Aufführungspraxis nachstellen.

Schon jetzt setzt die Serie der Unglücke ein: „Unglücklicherweise kann Ihre Majestät der Einladung nicht Folge leisten, da sie sich an diesem Tag im Sommerurlaub auf Schloss Balmoral in Schottland befindet.“ Diesen Brief erhielt der frühere Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch aus dem Buckingham-Palast. Elisabeth II. wird die Stelle ihrer Ururgroßmutter nicht einnehmen, hat das Denkmal allerdings auch schon 1965 (von vorne) gesehen, als es nach dem Bau der Tiefgarage unter dem Münsterplatz gerade wieder aufgestellt worden war.

Für Viktoria war es wohl ein Glück im Unglück, dass das Komitee keine Tribüne für die Ehrengäste errichtet hatte. Denn Hähnel hat Beethoven als den „Cromwell der Musik“ porträtiert, und in Westminster blieb der Anblick des bronzenen Königsmörders der Königin immerhin noch bis 1889 erspart. Wer wird 2020 die Plätze der übrigen Zelebritäten von 1845 einnehmen, von Humboldt bis Berlioz?

Für Louis Spohr, der auf der Reise von Kassel nach Bonn zum ersten Mal die Partitur der Missa solemnis studierte, die er fünf Tage später zusammen mit der 9. Symphonie aufführte, muss man Valery Gergiev engagieren.