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Phänomen Harry Potter : Wie kommt der Hass in eine friedliche Welt?

Harry Potter (Daniel Radcliff) in „Harry Potter und der Hablblutprinz“ (2007) Bild: Picture-Alliance

Mit der heutigen Premiere des „Harry Potter“-Theaterstücks findet die erfolgreichste Buchreihe aller Zeiten ihre Fortsetzung. Ein Rückblick zeigt die erschreckend prognostische Kraft ihrer Autorin J.K. Rowling.

          Als der Hype um Harry Potter mit dem Erscheinen des vierten Romans einen neuen Höhepunkt erreichte – die Startauflage betrug eine Million, in Deutschland standen alle vier Bände hintereinander an der Spitze der Bestsellerliste, die Autorin J. K. Rowling avancierte zur drittreichsten Frau Großbritanniens –, da meldete sich auch Stephen King zu Wort. Der amerikanische Autor beschrieb im August 2000 das Buch „Harry Potter und der Feuerkelch“ als „schlichten, unkomplizierten Spaß, und zwar, angesichts des Romanumfangs von 767 Seiten, „eine ganze Wagenladung“ davon. Im Grunde, schreibt King, handele es sich um eine „klug konstruierte Detektivgeschichte“, als Buch für „tagtraumhungrige Kinder“ immerhin besser geeignet als die Werke des mediokren Kollegen R.L. Stine, aber es fehle der Harry-Potter-Saga doch an Tiefgang. Genauer: an jener metaphorischen dunklen, bedrohlichen Wolke, die in der britischen Fantasytradition – King nennt hier Tolkien, die „Narnia“-

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Romane oder „Watership Down“ – anfangs kaum wahrnehmbar am Horizont entstehe, sich dann aber verdichte und über den Protagonisten als Katastrophe entlade. „Bei J. K. Rowling lassen sich solche Schatten auch ausmachen, aber sie sind nur dünn und werden rasch wieder zerstreut.“ Kinderkram eben, wenn auch amüsant, aber eine gute Schule, um auf den Lesegeschmack zu kommen, meint King. Später, mit sechzehn, sollten Potter-Leser dann aber ernsthafte Literatur entdecken, zum Beispiel „diesen gewissen King“.

          Mit dieser Einschätzung stand Steven King nicht allein; besonders über den propädeutischen Aspekt der Buchreihe, die vorneweg die als Lesemuffel verschrienen Jungen allgemein zum Buch hinführe, wurde damals viel gesprochen (das Argument zog dann schon ein bisschen weniger, als von 2001 an die Verfilmungen ins Kino kamen, so dass, wer wissen wollte, wie die Geschichte weitergeht, sich mit den Romanen nicht mehr groß abmühen musste). Was dabei jedenfalls immer mitschwang, war der Satz: Hauptsache, sie lesen, egal was, und wenn es diese Zauberergeschichten sind.

          Die Treue der Todesser

          Doch Kings Begründung dafür, warum die Buchreihe gar so leichtgewichtig sei, verblüfft: aus dem Abstand der Jahre und in Kenntnis der drei seither erschienenen Folgebände sowieso, aber durchaus auch mit Blick nur auf „Harry Potter und der Feuerkelch“. Das Buch schildert das vierte Jahr, das der Waisenjunge Harry Potter im Zaubererinternat Hogwarts verbringt. Die früheren Romane erzählten davon, wie Harry als ein Kind seine Eltern verlor, die gegen den grundbösen Magier Lord Voldemort kämpften, und wie dieser dann beim Versuch, auch Harry zu töten, selbst offenbar ums Leben kam – der Junge trägt eine Narbe davon, er ist ein im Wortsinn Gezeichneter.

          Dass Voldemort allerdings dennoch als fast körperloses Etwas auf magische Weise überlebt hatte, wurde im ersten Band deutlich („Harry Potter und der Stein der Weisen“, 1997). Band zwei und drei handelten dann von seiner langsam wachsenden Präsenz, seiner geradezu stofflichen Verdichtung, während sich die friedlichen Zauberer zugleich weigerten, dies zur Kenntnis zu nehmen – nicht einmal Voldemorts Name durfte genannt werden.

          „Harry Potter und der Feuerkelch“ nun, der Roman, den King zum Anlass seines Aufsatzes nahm, schildert gleich in der ersten Szene einen Mord, steigert sich über Terror, mit dem die friedlichen Besucher eines Sportereignisses überzogen werden, bis zu einer albtraumhaften Szene auf einem Friedhof, bei der ein Jugendlicher umgebracht wird und Harry knapp dem Tod entgeht, während Voldemort in einem gespenstischen Ritual einen neuen Körper erhält, wozu Harry ein paar Tropfen Blut beisteuern muss. Das geschieht im Kreis von Voldemorts Anhängern, den sogenannten Todessern, die ihm über all die Jahre die Treue gehalten haben.

          Voldemort ist überall

          Denn das, wofür Voldemort steht, das Gefühl absoluter Überlegenheit denjenigen gegenüber, die ohne magische Begabung geboren wurden, ist weiterhin vorhanden und lässt sich jederzeit reaktivieren. Dass es der Autorin hier um Rassismus geht, wird überdeutlich in ihrer Schilderung der Friedhofsszene, die an die Rituale des Ku-Klux-Clans erinnert. Die ersten Opfer aber sind wir anderen, oder, in der Sprache der Zauberer: die Muggel.

          Diese langsame Rückkehr eines für überwunden gehaltenen Gedankenguts in eine Welt, die vor der Realität nun fest die Augen zukneift, das ist die dunkle Wolke, die Stephen King so schmerzlich vermisste. Natürlich, das zeigt Rowling auch, ist der Alltagsrassismus längst da, auch in der Zauberschule Hogwarts, wenn etwa diejenigen Schüler, die sich für „reinblütiger“ halten als ihre Klassenkameraden, weil sie aus alten Magierfamilien kommen, die anderen als „Schlammblut“ beschimpfen. Die Wolke aber, die im vierten Band bereits Konturen angenommen hat, verdichtet und entlädt sich endgültig im siebten Band der Serie, im 2007 erschienenen Roman „Harry und die Heiligtümer des Todes“.

          Dort haben die Todesser mit Terror gegen Gruppen und Erpressung Einzelner, die etwa Angst um ihre Kinder haben, ein Klima der Angst erzeugt, in der sich niemand mehr sicher fühlt und keiner sich mehr frei bewegt. Diejenigen Zauberer aber, die sich öffentlich gegen den Rassismus gewandt haben und als „Muggelfreunde“ gelten, trifft es als Erste. Und das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“, das heute in London regulär uraufgeführt wird (F.A.Z. vom 25.Juli), zeigt ein weiteres Mal, dass auch eine Generation nach der vermeintlich endgültigen Vernichtung Voldemorts die Weltsicht der Todesser jederzeit aufzurufen ist – mit grässlichen Folgen.

          Harry, Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) in „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (2001) Bilderstrecke

          Es fällt nicht schwer, darin den Ausdruck einer tiefen Sorge der Autorin zu sehen. Der Prozess, den sie auf insgesamt knapp 4500 Seiten beschreibt, ist das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Sphären, die zu Beginn der Handlung des ersten Romans noch enger miteinander verknüpft waren, die Welt der Magier und die überlappende der Muggel. Wo sie sich begegnen, herrscht anfangs wohlwollendes Staunen, denn den mühsam zu erlernenden magischen Techniken der Zauberer entspricht umgekehrt das Vermögen der Muggel in den angewandten Naturwissenschaften – der gütige Magier Arthur Weasley, der Vater von Harrys bestem Freund Ron, begeistert sich dann auch sehr an Muggel-Artefakten wie Elektrizität, Telefonen oder Autos.

          Die beiden Welten jedenfalls kontaminieren einander, im Guten wie im Bösen, und Rowling unterstreicht das, indem sie den Magiern Erfindungen unterschiebt wie eine Schreibfeder mit Korrekturfunktion oder Fotos mit beweglichen Objekten, die wie Internet-Filmchen anmuten. Am deutlichsten wird das etwa, als Rons Schwester Ginny von einem obskuren magischen Buch dazu gebracht wird, ihm ihre intimsten Gedanken anzuvertrauen und prompt vom Besitzer des Buchs erpresst wird, was man genauso gut als Warnung vor dubiosen Internet-Bekanntschaften deuten kann.

          Denn anspielungsreich ist dieses Werk über die Maßen, das klingt nicht nur in den Zaubersprüchen an, die von der studierten Altertumswissenschaftlerin Rowling gern nach dem Lateinischen geformt werden, oder in den Namen, die – wie im Fall des ewig bedröhnten Zauberers Morfin – meist etwas über ihre Träger verraten, wenn man sie übersetzt, sondern auch in überraschend schlüpfrigen Passagen.

          Beißende Bücher

          Da wird etwa am Weihnachtsabend im Hause Weasley im Radio das Lied einer gewissen Celestina Warbeck gespielt, das offenbar auf das magische Werkzeug der Hexen Bezug nimmt: „Oh, komm und rühr meinen Kessel,/bist du einer, der’s richtig macht,/koch ich dir heiße, starke Liebe,/die dich warm hält heute Nacht.“ Die siebenfache Mutter Molly Weasley sagt dazu sentimental: „Dazu haben wir getanzt, als wir achtzehn waren! Weißt du noch, Arthur?“

          Es ist eine freundliche Zaubererwelt, die Rowling entwirft, und es ist eine, die der ständigen, unausrottbaren tödlichen Bedrohung durch Voldemort, der den Tod schon im Namen trägt, einen Lebenswillen entgegenhält, der sich auf alles und jeden erstreckt: auf die Zauberer und Hexen sowieso, die Fabelwesen im verbotenen Wald, die Bilder an den Wänden von Hogwarts, die etwa den gestorbenen Schulleitern ein beinahe nahtloses Fortleben erlauben, denn die Dargestellten mischen sich kräftig in die Belange ihrer Nachfolger ein.

          Selbst die Bücher führen hier ein Eigenleben, sie seufzen und beißen schon mal ihre Leser, wie um zu demonstrieren, dass man mit ihnen so schnell nicht fertig wird. Unmöglich, nicht auch hierin einen Hinweis der Autorin zu sehen.

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