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Phänomen Harry Potter : Wie kommt der Hass in eine friedliche Welt?

Diese langsame Rückkehr eines für überwunden gehaltenen Gedankenguts in eine Welt, die vor der Realität nun fest die Augen zukneift, das ist die dunkle Wolke, die Stephen King so schmerzlich vermisste. Natürlich, das zeigt Rowling auch, ist der Alltagsrassismus längst da, auch in der Zauberschule Hogwarts, wenn etwa diejenigen Schüler, die sich für „reinblütiger“ halten als ihre Klassenkameraden, weil sie aus alten Magierfamilien kommen, die anderen als „Schlammblut“ beschimpfen. Die Wolke aber, die im vierten Band bereits Konturen angenommen hat, verdichtet und entlädt sich endgültig im siebten Band der Serie, im 2007 erschienenen Roman „Harry und die Heiligtümer des Todes“.

Dort haben die Todesser mit Terror gegen Gruppen und Erpressung Einzelner, die etwa Angst um ihre Kinder haben, ein Klima der Angst erzeugt, in der sich niemand mehr sicher fühlt und keiner sich mehr frei bewegt. Diejenigen Zauberer aber, die sich öffentlich gegen den Rassismus gewandt haben und als „Muggelfreunde“ gelten, trifft es als Erste. Und das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“, das heute in London regulär uraufgeführt wird (F.A.Z. vom 25.Juli), zeigt ein weiteres Mal, dass auch eine Generation nach der vermeintlich endgültigen Vernichtung Voldemorts die Weltsicht der Todesser jederzeit aufzurufen ist – mit grässlichen Folgen.

Harry, Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) in „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (2001) Bilderstrecke

Es fällt nicht schwer, darin den Ausdruck einer tiefen Sorge der Autorin zu sehen. Der Prozess, den sie auf insgesamt knapp 4500 Seiten beschreibt, ist das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Sphären, die zu Beginn der Handlung des ersten Romans noch enger miteinander verknüpft waren, die Welt der Magier und die überlappende der Muggel. Wo sie sich begegnen, herrscht anfangs wohlwollendes Staunen, denn den mühsam zu erlernenden magischen Techniken der Zauberer entspricht umgekehrt das Vermögen der Muggel in den angewandten Naturwissenschaften – der gütige Magier Arthur Weasley, der Vater von Harrys bestem Freund Ron, begeistert sich dann auch sehr an Muggel-Artefakten wie Elektrizität, Telefonen oder Autos.

Die beiden Welten jedenfalls kontaminieren einander, im Guten wie im Bösen, und Rowling unterstreicht das, indem sie den Magiern Erfindungen unterschiebt wie eine Schreibfeder mit Korrekturfunktion oder Fotos mit beweglichen Objekten, die wie Internet-Filmchen anmuten. Am deutlichsten wird das etwa, als Rons Schwester Ginny von einem obskuren magischen Buch dazu gebracht wird, ihm ihre intimsten Gedanken anzuvertrauen und prompt vom Besitzer des Buchs erpresst wird, was man genauso gut als Warnung vor dubiosen Internet-Bekanntschaften deuten kann.

Denn anspielungsreich ist dieses Werk über die Maßen, das klingt nicht nur in den Zaubersprüchen an, die von der studierten Altertumswissenschaftlerin Rowling gern nach dem Lateinischen geformt werden, oder in den Namen, die – wie im Fall des ewig bedröhnten Zauberers Morfin – meist etwas über ihre Träger verraten, wenn man sie übersetzt, sondern auch in überraschend schlüpfrigen Passagen.

Beißende Bücher

Da wird etwa am Weihnachtsabend im Hause Weasley im Radio das Lied einer gewissen Celestina Warbeck gespielt, das offenbar auf das magische Werkzeug der Hexen Bezug nimmt: „Oh, komm und rühr meinen Kessel,/bist du einer, der’s richtig macht,/koch ich dir heiße, starke Liebe,/die dich warm hält heute Nacht.“ Die siebenfache Mutter Molly Weasley sagt dazu sentimental: „Dazu haben wir getanzt, als wir achtzehn waren! Weißt du noch, Arthur?“

Es ist eine freundliche Zaubererwelt, die Rowling entwirft, und es ist eine, die der ständigen, unausrottbaren tödlichen Bedrohung durch Voldemort, der den Tod schon im Namen trägt, einen Lebenswillen entgegenhält, der sich auf alles und jeden erstreckt: auf die Zauberer und Hexen sowieso, die Fabelwesen im verbotenen Wald, die Bilder an den Wänden von Hogwarts, die etwa den gestorbenen Schulleitern ein beinahe nahtloses Fortleben erlauben, denn die Dargestellten mischen sich kräftig in die Belange ihrer Nachfolger ein.

Selbst die Bücher führen hier ein Eigenleben, sie seufzen und beißen schon mal ihre Leser, wie um zu demonstrieren, dass man mit ihnen so schnell nicht fertig wird. Unmöglich, nicht auch hierin einen Hinweis der Autorin zu sehen.

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