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Sprache der Politik : Schwarze, rote und grüne Null

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Finanzminister Scholz will den Soli zurückschrauben. Aber nicht für Sparer. Bild: EPA

Zuerst war von der schwarzen Null die Rede, nun wechselt sie die Farbe und wird grün. Sinnvoller wird das sprachliche Nullsummenspiel, das die Politik betreibt, dadurch nicht.

          Leider vergeblich, das ist zuzugeben, hatten wir uns an dieser Stelle und das auch noch wiederholt in den Kampf gegen die sogenannte schwarze Null gewagt (F.A.Z. vom 21. März 2009 und 26. November 2014), uns einbildend, der aus unserer Sicht immer noch stichhaltige Hinweis darauf, dass die Zahlen unter null rot und die darüber schwarz sind, die Null selbst aber farblos, würde schon noch verfangen und dann nur noch und richtigerweise von einer haushaltspolitischen Null die Rede sein.

          Diese Hoffnung hat getrogen. Es bringt nichts mehr, besserwisserisch dagegen vorzugehen; die Leute reden ja doch weiter, wie sie wollen. Wobei – diese letzte Anmerkung sei vielleicht noch erlaubt – man die schwarze Null, für die einst Finanzminister Schäuble (CDU) stand, rein theoretisch auch eine rote nennen könnte, denn ein Verzicht aufs Schuldenmachen bei jedem neuen Bundeshaushalt wird vom jetzigen Minister Scholz (SPD) nicht minder energisch angestrebt; eine rote Null wäre genauso sinnvoll wie die schwarze, aber beides ist und bleibt Quatsch. Oder könnten mit einer schwarzen, wahlweise auch roten Null am Ende die Politiker der entsprechenden farbentragenden Parteien gemeint sein?

          Dass es jedenfalls gerade der Unsinn ist, der sich auf der Welt vermehrt, das wissen auch wir, aber das ist noch lange kein Grund, ihm nicht hin und wieder die Stirn zu bieten. Die schwarze Null hat ein – tja, wie nennen wir’s? – Geschwisterchen oder ein Töchterchen bekommen, und das ist nun auch schon vier Jahre alt, es kann längst laufen und macht sich neuerdings ganz schön breit in der Öffentlichkeit.

          „Wir brauchen die grüne Null“, hieß es im März 2015 im „Klimaretter“, dem „Magazin zur Klima- und Energiewende“. Damals mochte man noch fragen: Woher nehmen und nicht stehlen? Die grüne Null bezeichnet einen Zustand, in dem es keine Kohlendioxid-Ausstöße mehr geben wird – ein zweifellos ehrgeiziges Ziel, dessen Erreichung man zunächst für das Jahr 2070 in Aussicht stellte. Aus Gründen, die jedermann bekannt sind, wurde es mittlerweile vorverlegt.

          Schwarze, rote und grüne Politiker scheinen dieses Ziel für realistisch zu halten, die Einschätzungen bewegen sich zwischen „kein Problem“ und „schaffen wir“. Ob es auch Anlass für diese Zuversicht gibt, mag man nach den ganzen Weltklimagipfeln bezweifeln. Tatsache ist aber, dass sich die schwarze Null mit der grünen nun in die Haare kriegt; insofern wird es sich wohl doch um Geschwister handeln.

          Dass die grüne Null dermaleinst Wirklichkeit wird, wird man sich nämlich etwas kosten lassen und damit Abschied von der schwarzen nehmen müssen, derer man sich bisher so sicher wähnte. „Wir brauchen statt einer schwarzen eine grüne Null“, lautet jetzt immer häufiger die Parole. Anders als sonst, wenn zwei sich streiten oder gegeneinander ausgespielt werden, zeichnet sich ein lachender Dritter hier noch nicht ab, keine gelbe, keine blaue und keine braune Null. Wer eine sieht, möge sich daher melden bei

          edo.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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