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Philosoph Fabrice Hadjadj : Die Politik ist tot, aber sie kann auferstehen

„Man kann keine Seite von Proust lesen, ohne die Bibel im Hinterkopf zu haben.“: Fabrice Hadjadj Bild: action press

Frankreich braucht seine Meisterdenker: Fabrice Hadjadj, katholischer Philosoph jüdischer Herkunft, gilt bei unseren Nachbarn als provokativer Star seiner Zunft. Bei einer Begegnung in der Schweiz spricht er über Spiritualität am Wickeltisch.

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          „Ich sehe mich noch immer als Nietzscheaner“: Die Zeitung „La Croix“ würdigt Fabrice Hadjadj als einen der wenigen großen katholischen Intellektuellen Frankreichs nach dem Tod von Jean-Marie Lustiger. Mit dem Erzbischof von Paris hat Hadjadj die jüdische Herkunft gemein. Seine Vorfahren lebten in Tunesien und Algerien, seine jungen Eltern waren Maoisten, die im Mai ’68 auf den Barrikaden standen und ihren 1971 geborenen Fabrice, der fünfzehn Jahre lang ein Einzelkind blieb, mit zu den Versammlungen und Demos nahmen: „Sie waren Atheisten. Zu Hause lasen wir nicht die Thora, sondern antiklerikale Literatur. Emile Zola. Gottfried Benn. Sehr früh habe ich mich für Nietzsche interessiert, dem ich sehr viel verdanke. Er hat den ,Antichrist‘ geschrieben.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auch Georges Bataille und Antonin Artaud haben Hadjadj geprägt. Über Dichter und Philosophen, die es bekämpften, kam er mit dem Christentum in Berührung. Er wollte Schriftsteller werden. 1992 freundete er sich mit Michel Houellebecq an, dessen „Ausweitung der Kampfzone“ noch nicht erschienen war und der einen Text für Hadjadjs Sammelband „Objet perdu“ verfasste: „Houellebecq lebte in einer Pariser Sozialwohnung und hatte die katholische Zeitschrift ,Magnificat‘ abonniert, in der die Messtexte abgedruckt sind und die Gebete für den Morgen und den Abend. Wir stritten über Paulus, ich warf Michel alle Klischees an den Kopf: Paulus der Frauenverächter, der Erfinder des Antisemitismus, ein Glamour-Apostel ohne jeden Sinn für Gerechtigkeit. Er widerstand meinen Attacken und empfahl mir, die Bibel zu lesen, was ich ehrlich gesagt nur oberflächlich gemacht hatte.“

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