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Die Pogrome und der Kunstbetrieb : 9. November

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Zwischen Leben und Tod: Von der Ermordung des Kunsthändlers Hugo Helbing und der Karriere Hildebrand Gurlitts in der nationalsozialistischen Diktatur.

          Als in der Nacht vom 9. November Joseph Goebbels die Führer der SA anwies, im gesamten Land antijüdische Pogrome zu organisieren, veränderte sich auch für immer ein Bereich der Gesellschaft, über den in den vergangenen Tagen im Zusammenhang mit dem Münchner Kunstfund ausführlich berichtet wurde: der Kunsthandel. Die Ausschreitungen im November 1938 forderten mehr als 1300 Todesopfer, mehr als 30.000 jüdische Männer wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert. Zu den berühmtesten Opfern im Kunstbetrieb zählte der gebürtige Münchner Hugo Helbing.

          Er wurde in der Nacht des 9. Novembers von Schlägertrupps in seiner Wohnung überfallen und vor den Augen seiner Frau niedergeschlagen. Wenige Tage später starb Helbing im Alter von 75 Jahren. Es war das grauenhafte Ende eines der erfolgreichsten Kunsthändler Deutschlands: Helbings Auktionshäuser in München und Frankfurt galten bis 1933 als führend. Mit dem legendären Paul Cassirer hatte er 1916 eine Auktionsgemeinschaft gegründet, die mehrtägigen Versteigerungen waren Großereignisse mit Weltruhm.

          Die „Arisierung“ des Kunstbetriebs

          Wenn in diesen Tagen von „entarteter“ Kunst die Rede ist, wird zu wenig daran erinnert, dass die Diffamierung „entartet“ nicht zuerst einem Stil oder einer Malweise galt. „Entartet“ war ein rassebiologischer Kampfbegriff, mit dem die Nationalsozialisten Jagd auf sämtliche Personen im Kunstbetrieb machten, die sie als „jüdisch“, „verjudet“, „kulturbolschewistisch“ oder „krank“ ansahen.

          Der Kunstbetrieb wurde auf allen Ebenen „arisiert“: Am Ende des Jahrs 1938 gab es fast ausnahmslos keine jüdischen Künstler, Händler, Galeristen, Kritiker, Sammler, Museumsangestellte oder Kunsthistoriker mehr in Deutschland. Auch was die Avantgardekunst anbetraf, machte es einen Unterschied, ob man als „arisch“ angesehen wurde und deshalb weiter Spielräume hatte – als Künstler, Händler, Galerist oder Sammler – oder ob man als „jüdisch“ eingestuft worden war.

          Er gehörte zu Hitlers Einkäufern

          Wem diese Unterschiede schmerzlich bewusst gewesen sein dürften, war Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius Gurlitt. Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass Cornelius Gurlitts Sammlung in München durch die Augsburger Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden ist. An die Öffentlichkeit kam damit auch die Geschichte des Vaters Hildebrand Gurlitt, der eine jüdische Großmutter hatte und trotzdem zu einem der wichtigsten Kunsthändler im Nationalsozialismus aufstieg.

          Gurlitt war einer der Einkäufer für Adolf Hitlers gewaltiges Museumsprojekt in Linz, für das riesige Mengen Raubkunst aus jüdischen Sammlungen zusammengerafft wurden. In einer eidesstattlichen Erklärung, die Gurlitt den Alliierten nach 1945 gab, erklärte er seine Karriere im Nationalsozialismus eben mit diesem Widerspruch: Als Mann mit „jüdischem Blut“ habe er gefürchtet, „zur Arbeit für die Organisation Todt gezwungen zu werden“, ein 1938 gegründetes Unternehmen, das für den Bau militärischer Anlagen zuständig war. Hildebrand Gurlitt war verheiratet und hatte zwei Kinder. „Ich musste mich zwischen dem Krieg und dem Museum entscheiden.“

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