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phil.Cologne zu Debattenkultur : Was wird aus der Empörungsdemokratie?

  • -Aktualisiert am

Daniel Cohn-Bendit vergangene Woche auf der phil.Cologne Bild: dpa

Der Hass hat Methode: Rechthaberei und Hysterie dominieren sämtliche Debattenräume. Stets geht es gleich um Demontage. Wo ist das vernünftige öffentliche Streitgespräch geblieben?

          Empörung, die Bückware in der öffentlichen Kommunikation, war immer leicht zu haben. Inzwischen aber vermüllt die hysterische Motzrede sämtliche Debattenräume. Nur ein Beispiel aus jüngerer Zeit sind die rasant ins Nationalistische abgeglittenen Beiträge auf Twitter, Facebook und anderen Foren der voraussetzungslosen Rechthaberei über die durchaus dämliche Fotowerbung von Mesut Özil und Ilkay Gündogan für den türkischen Präsidenten-Sultan. Inzwischen pfeifen „Fans“ die beiden Spieler aus. Stets geht es sogleich um Demontage. Können wir einfach nicht mehr miteinander reden?

          Immerhin hat das gesittete, vernünftige, volksnahe öffentliche Streitgespräch noch nicht ganz ausgedient. In Köln wurde es soeben eine Woche lang gepflegt. Das Philosophiefestival PhilCologne hatte wieder beachtlichen Zuspruch: Zwölftausend Menschen besuchten die über vierzig Veranstaltungen.

          Plädoyer für mehr Gelassenheit

          Wo Stars wie der „Marx-Brother“ Gregor Gysi oder Omnipräsente wie Richard David Precht (als philosophischer Pick-up-Artist macht er sich jetzt für das linksutopische bedingungslose Grundeinkommen stark) auftreten, ist eitle Verkündungsattitüde nicht fern. Am letzten Tag aber wurde es akademischer. Eine Reihe von Professoren analysierte unsere hier moralisch erodierte, dort vor der Sprachpolizei zitternde Debattenkultur.

          Die nicht unbedingt wertfreien Veranstaltungstitel „Die große Gereiztheit“ und „Die infantilisierte Gesellschaft“ darf man mit einer Modevokabel (zu der es eine eigene Veranstaltung gab) wohl „Framing“ nennen. Das indes hielt die für eine stärker agonistische Demokratiekultur eintretende Philosophin Marie-Luise Frick nicht davon ab, für Gelassenheit zu plädieren. Selbst Hasskommentare schien sie als Einladung zum Streitgespräch zu verstehen.

          Von Überheblichkeit müsse man sich verabschieden, sogar von der Vorstellung, Vernunft sei die maßgebliche Kategorie. Ob dumm oder klug, für Frick zählt jede Meinung gleich viel: „Das ist der Preis der Freiheit.“ Was sympathisch demokratisch klingt, ist vor allem naiv, denn der von Frick in Anspruch genommene „zivilisierende Rahmen“ – „uns als Gegner sehen, nicht als Feinde“ – wurde im Digitalen ja längst pulverisiert. Oft hat der Hass zudem Methode, nutzt der unflätigste Schiss doch den räudigsten Vögeln.

          Pubertärer Umgang mit der neuen Kommunikation

          Der von Medien als Medienerklärer wahrgenommene Bernhard Pörksen widersprach denn auch vehement. In der in „Selbstbestätigungsmilieus“ zerfallenden „Empörungsdemokratie“ werde die Chance der Kommunikation aller mit allen dadurch vertan, dass dieses neue Instrument so „pubertär“ gebraucht werde.

          Wehrhaftigkeit sei gefragt, keine „Stuhlkreismentalität“. Pörksen wartete mit einem konkreten, freilich ebenfalls naiven Regulierungsvorschlag auf: Jeder, der im digitalen Raum öffentlich in Erscheinung trete, solle dies nach den „Standards von gutem Journalismus“ tun (müssen).

          Süffisanter wurde es mit dem Auftritt Robert Pfallers. Als Großmeister des Ordens wider die politische Korrektheit kann der Linzer Satyr pausenlos Anekdoten über die Verrücktheiten einer überempfindlichen Gesellschaft erzählen. Seinem Appell: „Ihr seid’s erwachsen! Ihr haltet das aus!“ will man sofort zustimmen. Leider aber hat Pfaller die Obsession entwickelt, jede Schrägheit direkt auf den „Neoliberalismus“ zurückzuführen. Dieser nämlich wolle durch Schlachten um erfundene Befindlichkeiten von seiner eigentlichen Brutalität – der wachsenden materiellen Ungleichheit – ablenken. An diesem Punkt dreht die Anti-PC-Comedy des Professors ihrerseits ins Reflexhafte und Verschwörungsmäßige ab. Der entscheidende Satz des Abends stammte von Maria-Sibylla Lotter. Die Bochumer Philosophin verteidigte eine milde Form der geschlechtergerechten Sprache gegenüber Pfaller als „schon sinnvoll“, ohne deren Benutzung allen vorschreiben zu wollen. Dann der weise Satz: „In diesem Bereich braucht man Toleranz.“

          Wo soll die Toleranz herkommen?

          Eine Lösung ist natürlich auch das nicht, denn wo soll die verschwundene Toleranz herkommen? Vielleicht hat da der Katholik Hans Joas eine Idee, wenn auch keine neue. Seit Jahren kämpft er als Don Quichotte der Transzendenz gegen die Gebetsmühle des Agnostizismus. Jetzt möchte er Max Webers „Entzauberung“ entzaubern und uns das Heilige wieder vor Augen führen.

          Es ist schon erstaunlich, wie der so kenntnisreich argumentierende Sozialphilosoph und Religionssoziologe (die Moderne nicht als Teleologie der Rationalisierung) immer wieder urplötzlich umschaltet auf pure Einrede: Ein jeder merke doch am „Wunder“ des eigenen Vorhandenseins, an der „Selbsttranszendierung“ etwa beim Verlieben oder einfach nur an der Grammatik (Ergriffenwerden setze eine Instanz voraus, die ergreift), dass es eine äußere Kraft gebe. Eben das Heilige.

          Das Publikum wollte bloß wissen, ob auch Drogen zum Heiligen führten oder ob Steve Jobs, dessen „Schöpfungen“ uns ergriffen, ein „iGott“ sei. Dabei wäre das Bestechende an Joas’ romantischer Mission doch, dem kosmisch einsamen Menschen einzuflüstern, gar nicht das Maß der Dinge zu sein: eine heilsame Demütigung vielleicht. Aber am Ende bleibt wohl doch nur das sture Beharren auf Verantwortung fürs eigene Tun und Reden. Gut, dass man drüber geredet hat.

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