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Die Neunziger im Osten : So gewannen die Neonazis ihr Terrain

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Marcel Beyer im Juni 1991 Bild: Ullstein

Ein bis heute nachwirkendes Vakuum: In den Neunzigern wurde im Osten zu viel in geschlossenen Räumen nachgedacht und nicht im öffentlichen Raum. Was wir daraus für heute lernen können.

          5 Min.

          Im April 1992 sitze ich im ehemaligen Klubhaus des DDR-Schriftstellerverbandes in Berlin-Pankow in einer Dachkammer und lese „Medizin ohne Menschlichkeit“, die von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke herausgegebenen Dokumente zum Nürnberger Ärzteprozess. Warum ich mich anderthalb Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ausgerechnet in diese Lektüre vertiefe, ist mir seinerzeit so wenig klar wie heute. Die Literaturkritik verlangt ungeduldig nach dem großen Wiedervereinigungsroman, als müsste die akute geschichtliche Gegenwart so rasch wie möglich in die Geschichtsbücher verbannt werden, mich aber zieht es in die Zeit des Nationalsozialismus, zieht es in einen Band aus der Schwarzen Reihe des Fischer-Taschenbuchverlags, der ein Panorama an Mitleidlosigkeit, Sadismus, Größenwahn, ideologisch verklärter Niederträchtigkeit entfaltet. Fast fünfzig Jahre liegen die Ereignisse zurück, doch beim Lesen – Satz für Satz, dann wieder eine Pause, weil sich die geschilderten Menschenversuche selbst als Text kaum ertragen lassen – werden die Stimmen der Zeugen laut, und ich befinde mich in einer Sphäre absoluter, haltloser Präsenz. Keine sicher abgelegte Historie. Der Mensch in seiner dunkelsten Ausformung tritt mir entgegen.

          Im Vergleich dazu hat mein reales Umfeld beinahe etwas Skurriles. Ich bin aus Köln zu Gast, und ich komme mir vor, als schliefe ich im toten Herzen der DDR. In der Villa am Majakowskiring 46/48, wo im Herbst 1991 die literaturWERKstatt Berlin eröffnet wurde, befinde ich mich in einer Nachbarschaft, die wie in einer Ost-Vorhölle zwischen akutem politischem Geschehen und Geschichtsbuch gefangen ist. Die Straße hinunter hat Egon Krenz ein Haus gekauft. Wie aber, frage ich mich, können historische Figuren Immobiliengeschäfte abschließen? Ab und zu, so wird erzählt, kann man im Garten gegenüber noch die Witwe Ulbricht beim Jäten beobachten. Johannes R. Becher hat hier gelebt. In diesem freudlosen Bullerbü haben sie einander vierzig Jahre lang belauert. Alles vorbei. Ein paar Straßen weiter wohnt Christa Wolf.

          Das ehemalige Klubhaus des DDR-Schriftstellerverbandes in Berlin-Pankow

          Die Namen der DDR-Prominenz werden in einem seltsam zwischen Ironie und Ehrfurcht schwankenden Ton genannt. Als müsste man entgegen aller Wahrscheinlichkeit damit rechnen, bestraft zu werden, wenn man dumme Witze über eine abgeschlossene Epoche macht. Erst sehr viel später geht mir auf: Der Kalte Krieg mag zu Ende sein – die Ängste aber sind damit nicht vergangen, sie ziehen sich nur tiefer in den Körper zurück.

          Ich bin der Gewissheiten des Westens müde

          Vier Jahre nach dem Besuch am Majakowskiring ziehe ich selbst in die „ehemalige DDR“, nach Ostdeutschland. Ich erinnere mich, wie Rainald Goetz und ich anlässlich eines Suhrkamp-Autorenausflugs nach Baden-Baden im Mai 1996 auf der Wiese vor dem Hotel „Tannenhof“ stehen und rauchen. Er ist von der Mayday aus Dortmund angereist, ich bin auf dem Weg nach Dresden, um eine Wohnung zu besichtigen. Noch ist mir nicht klar, dass damit mein Leben als Westdeutscher zu Ende geht. Seinerzeit verspüre ich nichts weiter als die Neugier auf eine mir unbekannte Welt. Mit der Zeit begreife ich dann, ich bin meiner Gewissheiten, ich bin der Gewissheiten des Westens müde.

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