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Neue Literaturdebüts : Es gibt ein gutes Leben im schlechten

Denn der italienische Dichter, der 1919 die Eroberung der Stadt Fiume anführte, steht in „Die jüngsten Tage“ für einen Aufbruch, den Tom Müller mit dem Aufbruch der Wendejahre der beiden Freunde in Deutschland überblenden will. Nur kommen sie nicht zusammen, was vor allem daran liegt, dass der Autor von der Wende wenig, von D’Annunzio aber viel erzählt. Dass er seiner Begeisterung für D’Annunzio erliegt, wenn der Mann mit der Augenklappe und dem kahlen Kopf immer wieder um die Ecke kommt, am Ende sogar persönlich auftritt und ein paar Befehle gibt.
„Ich schmiede keine Pläne, ich glühe“, lautet das D’Annunzio-Zitat, das Tom Müller seinem Roman voranstellt. Auch Stippe hat diese Worte verwendet, als er damals, in ihrem persönlichen Ausnahmezustand, aus Gründen vor allem der Distinktion D’Annunzio spielte und sie ihre Gemeinschaft beschworen. Sie wollten glühen. Nun, wo der Freund tot ist, ist Jonathan hin- und hergerissen, kann sein Glühen für den italienischen Dichter nicht ganz aufgeben, will mit ihm aber auch ins Gericht gehen. Er habe seine Seele an Mussolini verkauft, wirft er ihm vor. Doch geht daraus nicht viel mehr hervor als ein unentschiedener Abschied von der Distinktion.

Tom Müller
Tom Müller : Bild: Benjamin Gutheil

Die Entschiedenheit, Klarheit, Härte und Sicherheit im Ton in „Taxi“, dem ersten Roman von Cemile Sahin, ist dagegen eine Wucht. Sahin, 1990 in Wiesbaden geboren, studierte Bildende Kunst am Saint Martins College in London und an der UdK in Berlin und wurde gerade als „ars viva“-Preisträgerin 2020 ausgezeichnet. Wir wissen nicht genau, wo dieser Roman, der auf der Longlist fehlt, spielt. Wir wissen nur, dass er nicht in Deutschland spielt, weil aus Deutschland später jemand zurückkommt, der gehofft hatte, dort ein besseres Leben verbringen zu können. Überhaupt hat die ganze Erzählung wenig Koordinaten und beansprucht damit eine dunkle Universalität.

Eine Mutter entdeckt einen jungen Mann, Mitte dreißig, der ihrem Sohn ähnelt, den sie in einem Krieg verloren hat. Sie geht ihm wochenlang nach, beobachtet ihn, bis sie irgendwann auf ihn zukommt und sagt: „Ich möchte, dass du wieder nach Hause kommst.“ Sie zieht Geld aus ihrer Tasche, mehrere tausend Euro, und bietet ihm einen Deal an: Er soll die Rolle ihres Sohnes spielen in einer Erzählung im Stil einer amerikanischen Serie. Die Regie übernimmt sie, die Mutter, Rosa Kaplan. Die Behörden haben ihr gesagt, ihr Sohn, Polat Kaplan, wäre nach einer Bombenexplosion, die sich gegen 5.30 Uhr am Morgen des 1.1.2007 ereignete, nicht wiederzufinden. Sie beerdigten ihn in einem leeren Sarg. Aber über einen Sarg, der leer war, konnte die Mutter nicht weinen. Es war ja nichts drin. Ihr Sohn musste am Leben sein. Und weil er nicht zurückkehrte, suchte sie sich einen, der ihn zumindest spielte. Einen, der tatsächlich sein Leben aufgab und ihr Sohn wurde. Er beginnt, Polat Kaplan zu sein, bald besteht er darauf, klagt es ein.

Obwohl es vermutlich kein richtiges Leben im falschen gibt, besteht möglicherweise die Chance, ein gutes Leben in einem schlechten Leben zu finden, sagt Cemile Sahin. Von dieser Möglichkeit erzählt „Taxi“. Doch blitzt die Möglichkeit nur kurz auf. Die Verstrickungen von Wirklichkeit und Fiktion sind heillos. Sie machen den Sohn, der nicht der Sohn ist und es doch sein will, zum Mörder und anschließend zum Opfer von Folterungen. Sie gewähren kein Zurück. Eigentlich will Rosa Kaplan bloß die Hoheit über ihre Geschichte wiedererlangen, die die Obrigkeit ihr genommen hat. Cemile Sahin erzählt, was es bedeutet, wenn eine Mutter ihr Kind verliert, und führt unerbittlich vor, was der Krieg mit uns anrichten kann. Sie erzählt es sehr gut. Die beiden besten Debüts des Herbstes stehen nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

 

 

Berit Glanz: „Pixeltänzer“, Roman, Schöffling, 256 Seiten, 20 Euro.

Miku Sophie Kühmel: „Kintsugi“, Roman, S. Fischer, 304 Seiten, 21 Euro.

Tom Müller: „Die jüngsten Tage“, Roman, Rowohlt, 240 Seiten, 22 Euro.

Cemile Sahin: „Taxi“, Roman, Korbinian, 220 Seiten, 20 Euro (erscheint am 1. Oktober, vorzubestellen unter http://www.korbinian-verlag.de).

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