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Neue Literaturdebüts : Es gibt ein gutes Leben im schlechten

Sie führt uns mit beeindruckender Souveränität in die Tech-Welt der Start-ups und der Programmierer, in der „Backend-Developer an ihren Trail-Mix-Beuteln hängen, als müssten sie die letzten Höhenmeter der Eiger-Nordwand überwinden“. Sie findet für ihre Protagonistin ein Hobby: Beta bastelt Modelle von Tieren und druckt sie mit ihrem 3D-Drucker aus. Sie gibt ihr eine Mission: „Mein erklärtes Ziel für diesen Sommer ist es, in allen Eisdielen innerhalb des Berliner Rings eine Kugel Erdbeereis zu essen“ – was die Entwickler in ihrer Umgebung sofort anfixt, weil es keinen Algorithmus gibt, der den kürzesten Weg für den aufeinanderfolgenden Besuch mehrerer Orte berechnen kann. Die Variationen sind zu komplex. Das Ganze nennt sich das Problem des Handlungsreisenden.

Und sie erfindet für ihren Roman eine Weckruf-App: „Dawntastic“, die von der Annahme ausgeht, dass man morgens schneller wach ist, wenn der Tag mit einem Gespräch startet. Regelmäßig lässt sich Beta von „Dawntastic“ wecken und erhält zur eingestellten Zeit einen Anruf von einer fremden Person, die irgendwo auf der Welt gerade wach ist. Eines Morgens ist das ein Mann, der sich Toboggan nennt. Sein Profilbild zeigt eine Figur mit Maske, er hat eine warme Stimme und meldet sich aus Palo Alto. Sie tauschen sich über den Todessound des Atari-Spiels „Pitfall“ aus, und bevor sie wieder auflegt, fragt Beta: „Was ist das auf deinem Profilbild?“ – „Es hat mit meinem Nutzernamen zu tun“, sagt Toboggan. „Vielleicht findest du es heraus?“

Gegen den Verwertbarkeitswahn

So beginnt eine Spurensuche, die Beta aus ihrer absoluten Gegenwartswelt in die Vergangenheit führt. Es beginnt mit den Koordinaten einer Adresse in der Potsdamer Straße 134a in Berlin, wo in den zwanziger Jahren die expressionistische Zeitschrift „Der Sturm“ von Herwarth Walden herausgegeben wurde. Der Name der Zeitschrift gefällt Beta nicht, also recherchiert sie skeptisch weiter. Immer wieder hinterlässt Toboggan Nachrichten oder versteckt Texte im Quellcode von Betas Blog. Es sind biographische Bruchstücke des avantgardistischen Künstlerpaares Walter Holdt und Lavinia Schulz, einer Tänzerin, die in selbst entworfenen Ganzkörperkostümen auftrat, an der vorsätzlichen Unverwertbarkeit ihrer Kunst, die nicht Ware sein sollte, aber tragisch scheiterte.

In der Begegnung mit dieser Vergangenheit rüstet sich Beta gegen den Verwertbarkeitswahn und die Überwachungsmechanismen ihrer Gegenwart. Die Geschichte verändert sie, stiftet sie zu einem Ausbruchsversuch an: Die „Pixel“ des digitalen Zeitalters und die „Tänzer“ der Weimarer Republik führt Berit Glanz zusammen in einer Geste der Verweigerung. Und man kann über diese Zusammenführung und überhaupt über diesen Roman einfach nur staunen.

Berit Glanz
Berit Glanz : Bild: privat

Tom Müller, der ebenfalls nicht auf der Liste steht, will das auch: Vergangenheit in einer erzählten Gegenwart aufleben lassen. „Die jüngsten Tage“ heißt der erste Roman des 1982 in Berlin-Friedrichshain geborenen Autors, der seit diesem Jahr Leiter des Tropen-Verlags in Berlin ist. Wie mühelos er von der Lektoren- und Verlegerrolle in die des Autors wechselt, ist schon besonders. Jonathan Buck heißt sein Ich-Erzähler, der zu Beginn des Romans am Bahnsteig nach Berlin steht und auf den Zug wartet. Sein Freund ist tot. Sein bester Freund, Stippe, mit dem er schon in der DDR-Kita war, mit dem er Zigaretten klaute, die Zeit unmittelbar nach der Wende durchlebte. Ein Grenzgänger, ein Aufgewühlter in einer unsicheren Zeit, wie er selbst, auf der Suche nach Idolen. Stippes Mutter will von Jonathan wissen, was war. Zu ihr soll er fahren, doch weigert sich alles in ihm. Lieber bleibt er bei seiner Freundin Elena, lässt die Erinnerungen an Stippe wiederaufleben und liest Gabriele D’Annunzio.

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