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Die neue Präventionskultur : Wir sind total kontrolliert

  • -Aktualisiert am

Abweichungen sind nicht erwünscht: Ultraschallaufnahme eines fünf Monate alten Fötus. Bild: Picture-Alliance

Es sind keine äußeren Instanzen, die uns disziplinieren. Wir tun es selber, aus Angst vor dem Risiko. Denn wir befinden uns im Zeitalter der Selbsterfassung und Selbstoptimierung.

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          In den vergangenen Jahren sind kaum noch Kinder mit genetisch bedingten Krankheiten wie Trisomie21 oder Mukoviszidose zur Welt gekommen. Die Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik hat dafür gesorgt, dass mehr als neunzig Prozent jener Frauen in Deutschland, die davon erfahren, dass ihr Baby voraussichtlich am Down-Syndrom leiden werde, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. So löst die freie, individuelle Entscheidung, den Empfehlungen der Reproduktionsmedizin zu folgen, jene eugenisch motivierten Programme der Bevölkerungsregulierung ein, die sich autoritäre Staaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben haben.

          Alfred Ploetz, einer der Begründer der „Rassenhygiene“ in Deutschland, empfahl 1895 das „Ausmerzen von Neugeborenen“, um das kollektive Erbgut auf einen eugenisch wünschenswerten Stand zu bringen. Im Nationalsozialismus dienten diese Ideen bekanntlich der Legitimierung der Gesundheitspolitik. Siebzig Jahre später ist der Akt des Ausmerzens auf diskrete und effizientere Weise vorverlegt worden, in das früheste Existenzstadium der künftigen Menschen, im Mutterleib oder sogar vor der Einnistung in die Gebärmutter.

          Lebensglück und Erbgut

          Die Motivation beider Handlungen unterscheidet sich – einmal geht es um das Erbgut einer Population, einmal um das Lebensglück einer Familie –, doch ihr Imperativ bleibt derselbe: Sowohl Ploetz’ Vorschlag, einem „schwächlichen oder missgestalteten Kind“ einen „sanften Tod“ zu bereiten, „sagen wir durch eine kleine Dosis Morphium“, als auch die Ziele der Pränatal- oder Präimplantationstechniken besagen, dass „erbkrankes“ Leben beseitigt werden solle.

          Diese eigentümliche Tendenz der Gegenwart, dass Prozesse der Normierung und Regulierung von Menschen, die bislang von einer staatlichen Instanz gesteuert wurden, auf die Individuen selbst übergehen, beschränkt sich aber nicht nur auf die Fortpflanzungstechnologien.

          Im Jahr 1987, zum Beispiel, gingen in Deutschland Hunderttausende Menschen auf die Straße, um gegen die Volkszählung zu protestieren. Der Fragebogen, an jeden Haushalt verteilt, wurde von der Boykottbewegung als Symptom des „Überwachungsstaats“ betrachtet, der seine Bürger unterdrücke und den „gläsernen Menschen“ hervorbringe. Wer sich den Bogen heute noch einmal ansieht, ist von der Diskretion überrascht: Nur rund zwanzig, aus heutiger Perspektive beinahe unschuldige Fragen nach dem Wohnort, dem Arbeitsweg, dem Berufsfeld. Wenn man ihn neben das Anmeldeprofil eines Facebook-Accounts legt, erscheinen die erhitzten Proteste damals wie eine Massenpsychose.

          Die stolzen und gläsernen Menschen von heute

          Nur ein Vierteljahrhundert ist vergangen, doch der kollektive Umgang mit Erfassung hat sich grundlegend verändert. Tag für Tag stellen viele Menschen eine Fülle privater Informationen in die Halböffentlichkeit der Sozialen Medien, und an die Stelle der früheren Angst vor dem Durchleuchtetwerden ist ein produktives Verhältnis zur Preisgabe eigener Daten getreten. Das zeigt sich vor allem auch an der Konjunktur von Ortungssoftware auf dem Smartphone. Bis vor kurzem war dieses Erkenntnisinstrument der Polizei vorbehalten, um Verdächtige zu beschatten; heute dominieren spielerische oder ökonomische Funktionen der Positionsbestimmung.

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