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Die neue französische Entspanntheit : Madame, wir lieben Sie!

  • -Aktualisiert am

Treffpunkt des intellektuellen Boulevards: das Café „Les Deux Magôts” im Pariser Quartier Latin Bild: AFP

Paris ist schöner, die Franzosen sind entspannter denn je. Die Wirtschaftskrise wird nicht als nationales Drama wahrgenommen. Die kulturelle Arroganz ist einer sympathischen Lockerheit gewichen, die auch das weniger Brillante zu schätzen weiß.

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          Hundert Euro für das von zu vielen Büchern verursachte Übergewicht berechnete die Angestellte der spanischen Linie am Flughafen Prats in Barcelona und wies streng darauf hin, dass es sogar noch zehn Euro mehr sein könnten, wenn sie ganz genau auf die Waage sähe. Am Tag vorher hatte ihre französische Kollegin in Paris-Orly denselben Koffer mit einer charmant klingenden Frage auf den Weg durch das Gepäcklabyrinth geschickt: „Beim nächsten Mal etwas weniger vielleicht?“ Anders als über das früher in Deutschland so beliebte französische Wort „charmant“ lässt sich die Geste und ihr Ton eigentlich nicht beschreiben, es war, als wollte sie sagen, der Kunde sei ihr sympathisch - während das Einchecken in Barcelona zum kleinlichen Ausspielen einer noch kleineren Macht wurde. Also kehrten sich ein paar längst geformte Erfahrungen und die daraus gewachsenen Vorurteile um zwischen Orly und Prats.

          Fünf gerade sein und daraus vielleicht etwas Freundlichkeit entstehen zu lassen - das war doch früher gerade nicht die Stärke des französischen Alltags gewesen? Waren ausländische Touristen in Paris nicht immer so sehr von der Sorge geplagt, gerade nicht das richtige Wort gewählt oder den richtigen Schritt gemacht zu haben, dass sie leugnen wollten, Touristen zu sein?

          Nation in Paradeuniform

          Wenn die vierzig „unsterblich“ genannten Mitglieder der Académie zu ihren Sitzungen „unter der Kuppel“ des Institut de France am Seine-Ufer zusammenkommen, dann legt die Nation eine Paradeuniform an. Auch hier sollte das treffende Klischee erst gar nicht vermieden werden, denn darum geht es ja gerade bei Ritualen: das zu verkörpern, was allen bewusst ist, in Formen, die jedermann kennt. Die Ästhetik der Académie française bringt Staat und Kultur als nationale Traditionen zur Synthese. Von Ludwig XIII. wurde sie 1635 gegründet, und heute öffnet sich ihr Portal ausschließlich für den Präsidenten der Republik, der am 18. März dieses Jahres zum Institut de France kommt, um, was die Ausnahme ist, der Aufnahme eines neuen Mitglieds in die Académie beizuwohnen. Viel war spekuliert worden über die innenpolitisch-strategischen Gründe dieser Geste, doch als Nicolas Sarkozy - unter den zweihundert geladenen Gästen und doch herausgehoben: auf einem einzelnen Sessel gegenüber den Académiciens in der Mitte des Hauptganges - Platz nimmt, da ist er allein die Präsenz der einen nationalen Geschichte.

          Repräsentanten nationaler Größe: der frühere Präsident Valéry Giscard d'Estain und Simone Veil

          Und diese nationale Geschichte nun enthält - mit Ausnahme der Jahre zwischen 1940 und 1944 (und selbst im Blick auf sie gibt sich das offizielle Frankreich bis heute nicht ganz geschlagen, wie die immer neuen Ausstellungsstrategien im Musée de l'Armée belegen) -, diese nationale Geschichte also enthält kaum eine Zeitschicht, die verlangt, eingeklammert oder gar ausgeschlossen zu werden: feudale und absolute Monarchie, Revolution, napoleonisches Empire, Restauration, Bürgerkönigtum, Zweites Empire, Dritte und Vierte Republik, bis zu der von Charles de Gaulle geformten und in unsere Gegenwart ragenden Fünften Republik.

          Eine Nation verneigt sich vor einer großen Dame

          All diese Zeiten haben in je anderen Formen die Kontinuität der Nation nur artikuliert und fortgesetzt. Simone Veil wird den dreizehnten „Stuhl“ („fauteuil“) unter der Kuppel der Académie besetzen, welcher einst Jean Racine, dem größten Tragödienautor der französischen Literatur, gehörte, aber nach ihm auch vielen Autoritäten der Vergangenheit, deren Erinnerung mittlerweile bis zur Anonymität verblasste. Simone Veil ist heute weit über achtzig Jahre alt, wurde in eine säkulare jüdische Familie aus Nizza geboren und gehört zu den kaum zweieinhalb Tausend in Konzentrationslager verschleppten französischen Juden, die überlebt haben. Als Juristin wurde sie Mitglied der Regierungen von Valéry Giscard d'Estaing und von Jacques Chirac, und als Giscards Gesundheitsministerin hat sie mit ebenso eleganter wie kompetenter Entschlossenheit die Legalisierung der Schwangerschaftsunterbrechung im Parlament durchgesetzt. Heute gilt sie nach soziologisch ernstzunehmenden Meinungsumfragen als die beliebteste Frau ihres Landes.

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