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Sarajevos Nationalbibliothek : Sinnbild für einen gescheiterten Staat

  • -Aktualisiert am

Der Cellist Vedran Smajlović in der Ruine der bosnisch-hercegovinischen Nationalbibliothek am 12. September 1992. Bild: AFP

Die im Bosnien-Krieg zerstörte Nationalbibliothek von Sarajevo war ein Symbol für Vielfalt und Ideale. Nun steht sie zwei Jahre nach Vollendung ihres Wiederaufbaus leer.

          Während der Belagerung Sarajevos spielte der Cellist Vedran Smajlović in der Ruine der bosnisch-hercegovinischen Nationalbibliothek Albinonis Adagio in G-Moll. Die Fotografien, die dabei entstanden, gehören zu den ergreifendsten Bilddokumenten des Bosnien-Krieges. Sie zeigen den seiner Arbeit hingegebenen Musiker in Konzertkleidung inmitten der Trümmerlandschaft, die vom prachtvollen Inneren des Baus geblieben war, nachdem ihn die serbischen Belagerer im Sommer 1992 in Brand geschossen hatten.

          Die Zerstörung der Bibliothek war kein „Kollateralschaden“ des Dauerbeschusses der bosnischen Hauptstadt, bei dem Tag für Tag mehrere hundert Granaten einschlugen. Sie war vermutlich das Ergebnis eines gezielten Angriffs, der Muslime und Kroaten aus Sarajevo vertreiben und die Zeugnisse ihrer Kultur auslöschen sollte.

          Die Angriffe galten auch dem gemeinsamen Kulturerbe, das die ethnisch-religiösen Gruppen Bosnien-Hercegovinas verbindet und damit zum Fundament eines gemeinsamen Staates werden könnte. Genau dafür stand die Nationalbibliothek wie kaum ein anderes Baudenkmal Sarajevos. Im späten neunzehnten Jahrhundert unter österreichisch-ungarischer Herrschaft als Rathaus errichtet, dürfte der am Rande der kleinteiligen Altstadt gelegene Großbau von der Bevölkerung zwar zunächst als protziger Fremdkörper und Machtgeste des Habsburgerreichs empfunden worden sein. Mit seinem orientalisierenden Stil erwies er aber der muslimischen Tradition der Stadt Reverenz, und mit seiner ursprünglichen Funktion diente er einem Stadtregiment, in dem alle Bevölkerungsgruppen vertreten waren.

          Ein Stoß gegen die gemeinsame Identität

          Nach dem Zweiten Weltkrieg zur National- und Universitätsbibliothek umfunktioniert, wurde er zum Speicher des Kulturgutes aller in der jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Hercegovina zusammenlebenden Ethnien. Seine Zerstörung war deshalb ein Stoß gegen die gemeinsame Identität. Mehr als zwei Millionen Bücher sollen verbrannt sein, nachdem die Feuerwehr durch permanenten Beschuss am Löschen gehindert worden war.

          Die Fotos des Cellisten in der Ruine sind eine Anklage gegen die Barbarei der Belagerer. Sie vermitteln aber auch eine plakative Botschaft der Hoffnung auf die heilende Wirkung der Kultur. Im Zeichen dieser Hoffnung wurde 1996 der Wiederaufbau der Nationalbibliothek in Angriff genommen. Fast zwei Jahrzehnte lang haben Architekten und Restauratoren den Bau minutiös rekonstruiert. Sie stützten sich dabei auf internationale Expertise und großzügige Unterstützung durch die Europäische Union, die den größten Teil der Kosten übernahm.

          Mit Hingabe ans Detail

          Die mit einer filigranen Attika bekrönten, in hellen Ocker- und Beigetönen verputzten Fassaden zeigen heute wieder ihre Pracht, die hufeisenförmigen Arkaden der dem Fluss Miljacka zugewandten Eingangsfront strahlen in makellosem Weiß. Das Innere imponiert mit einer feierlichen Eingangshalle samt einladender Marmortreppe und opulent ausgestatteten Sitzungs- und Festsälen des einstigen Rathauses. Mit Hingabe an das Detail wurde die durch Brand und Teileinsturz weitgehend zerstörte Dekorfülle aus feingliedrigen Bogenreihen, Friesen, Pilastern, Holzvertäfelungen, Buntglasfenstern, Deckenmalereien und Wandkacheln wiederhergestellt.

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