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„Die Mütter-Mafia“ im ZDF : Sie war mal eine Hallig

  • -Aktualisiert am

„Desperate Housewives“ in Bad Godesberg: Annette Frier ( rechts) und die anderen Mitglieder der „Mütter-Mafia“ Bild: Frank Dicks

Das „Herzkino“ des ZDF versucht es einmal mit Satire: Bei der „Mütter-Mafia“, einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Kerstin Gier, gibt Annette Frier den Ton an. Das lassen wir uns gerne gefallen.

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          Nach der phänomenalen Roboter-Serie „Real Humans“, deren Prophezeiungen uns Angst einjagten wie wenig anderes zuvor (Staffel eins wird vom nächsten Donnerstag an bei Arte wiederholt, Staffel zwei läuft im Mai), haben wir schon geahnt, dass wir uns keinen Sonntagsfilm mehr anschauen können, ohne beim Blick auf die puppenhaften Darsteller des „Herzkinos“ an androide „Hubots“ zu denken.

          Mit ihren bilderbuchschönen Gesichtern freilich ist die „Mütter-Mafia“, die Verfilmung eines Romans von Kerstin Gier, eine derart treffsichere Karikatur des Oberschichtlebens zwischen den Hochglanzkarossen von Köln-Rodenkirchen, dem Golfplatz von Schloss Georghausen und den Designervorgärten des Godesberger Villenviertels, dass man dem ZDF den Einsatz makelloser und perfekt programmierter Schauspielpuppen dieses eine Mal durchgehen lässt.

          Ein Mama-Mutmach-Film

          Lorenz Wischnewski, dem Vater dieser Scheidungsgeschichte, einem Mann auf der Suche nach jüngeren Semestern, verleiht Tim Bergmann die leere Optik eines Berater-Starschnitts. Die Föhnfrisur der Mutter, Conny (Annette Frier), die per Selbstaufgabe zum reizlosen Frauchen mutiert ist, sieht zeitlos falsch aus. Und die Kindergarten-Mamis, allen voran Chiara Schoras als durchoptimierte Karrieristen-Gattin mit Faible für Feinkost, sind selbstverliebte Emanzen der Abteilung Möchtegern, die nur daherschwätzen, was ihnen die Schlipsträger über „europäische Qualitätsstandards“ und „Leistungskontrolle“ vorgekaut haben.

          So ist das im Neo-Bauhaus. Das intellektuelle Niveau ist koikarpfenteich-seicht. Aber niemand gibt es zu. Wenn der Nachwuchs nicht spurt, sobald man ihn vor den Gästen auf Englisch anspricht, wird das höchst durchschnittliche Schreihalsdeutsch lieber als Sonderbegabung verklärt: „Thomas spricht seit neuestem in Reimen, jambisch.“

          Das bringt uns zu dem englischen Dichter John Donne, dessen Gedicht „No Man Is an Island“ sich die Protagonistin dieses kurzweiligen Mama-Mutmach-Films mit den Worten aneignet: „Ich war eine Hallig.“ Denn Conny Wischnewski erwacht, nachdem sie von Lorenz – er brauchte dringend das Bett – mitsamt den Kindern in einen staubigen Altbau am Rande des Villenviertels abgeschoben wurde. Sie beginnt zu verstehen, dass dieser Mann kein Verlust ist, dass sie ein neues Umfeld aufbauen kann, in das auch eine Freundin, ein Jaguarfahrer und ein Beutekind passen würden.

          Gelungen ohne jeden Kitsch

          Da dieser Film weiß, dass im „Herzkino“ nichts unerträglicher ist als Humorlosigkeit, beobachten wir Connys Entdeckung des aufrechten Gangs gern. Die konstant von einer Erzählstimme begleitete Story läuft zwar auf das Erwartbare zu: ein Gartenfest, an dem alle an einem langen Tisch sitzen, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Aber sie macht das unerwartet charmant und kontrolliert überdreht. „Kinder geben doch dem Leben einen Sinn, oder?“, fragt Connys Freundin mehr rhetorisch. Woraufhin Conny so weise antwortet, wie nur Eltern pubertierender Kinder antworten können: „Das kommt ein bisschen auf die Kinder an.“

          Nicht zuletzt die jungen Darsteller sind für den Film eine Bank. Allen voran Charlotte Uedingslohmann als handyfixierter, jederzeit zu einem Nervenzusammenbruch fähiger Teenager, der sich von der Mutter im schockierendsten Moment seines Lebens mit den gleichen Ablenkungsmanövern beruhigen lässt wie als Kleinkind – eine sehr schöne Szene ohne jeden Kitsch.

          Eine gelungene Roman-Adaption also, ganze Arbeit des Regisseurs Tomy Wigand. Ob das ZDF auch die beiden übrigen Bände von Kerstin Giers Trilogie produzieren wird, „Die Patin“ und „Gegensätze ziehen sich aus“, wollen sie in Mainz bislang noch nicht sagen. Aber zu vermuten ist das schon.

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