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Kommentar zur MBR : Die Gedankenpolizei ist schon unterwegs

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR) erhält Fördergelder dafür, über den Kulturkampf von rechts aufzuklären – und nutzt sie, um konservative Demokraten zu diffamieren.

          Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR) hat kürzlich im Deutschen Theater eine Studie über den Umgang mit dem „Kulturkampf von rechts“ vorgestellt. Wem das Wort „Kulturkampf“ zu dramatisch klingt, der versenke sich in die 36 doppelspaltig bedruckten Seiten, um das Fürchten zu lernen. Die AfD, identitäre Bewegungen und rechtsnationalistische oder rechtsextreme Gruppen haben in jüngerer Zeit Kulturveranstaltungen gesprengt, Aufführungen gestört und Künstler bedroht. AfD-Abgeordnete verlangen Ortsbegehungen staatlich subventionierter Kulturinstitutionen. Rechtspopulisten versuchen die Diskurshoheit an sich zu reißen, indem sie von der Kunst „politische Neutralität“ einfordern und über „Zensur“ klagen, wenn ihre eigenen Positionen kein Forum erhalten. Natürlich war all das in gewissem Umfang bekannt. Aber die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus hat mit erheblichem theoretischen Anspruch die Argumentationslinien nachgezeichnet und nützliche Empfehlungen gegeben, wie sich die Betroffenen wehren können.

          Was dagegen nicht ihre Aufgabe ist: den demokratischen Konservativismus pauschal mit dem Warnschild „rechts“ zu versehen und ihn als rassistisch zu brandmarken. Mit dieser Haltung wirkt der Verein eifernd, zensorisch und nahe an Orwells Gedankenpolizei. Eine der ersten Figuren, die in der Studie namentlich attackiert werden, ist der Literaturkritiker und ehemalige Feuilletonchef der „Zeit“ Ulrich Greiner. Konkret geht es um einen Artikel vom 13. Januar 2013, in dem Greiner in Zweifel zieht, das politisch korrekte Umschreiben von Kinderbüchern, von „Pippi Langstrumpf“ bis Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“, sei ein Fortschritt. Ich habe nicht das Vergnügen, Ulrich Greiner zu kennen. Ich lese nur seit dreißig Jahren seine Artikel. Und wie bei ihm üblich, wird auch in dem beanstandeten Text vor allem argumentiert. Wer sich die Mühe macht, genau zu lesen, stellt außerdem fest: Greiner befindet sich ganz auf der Höhe einer auch in Amerika ernsthaft geführten Debatte über die Frage, ob Literatur, auch in ihrem Verstörungspotential, im Original zu belassen sei – oder ob nicht doch auf die Empfindlichkeiten der Leser Rücksicht genommen werden müsse. „Die Bedeutung von ‚Neger‘ hat sich tatsächlich gewandelt“, schreibt der Autor. „Heute ist es ein herabsetzender Begriff, der sich im respektvollen Umgang verbietet. In einem literarischen Text aber kann er erlaubt sein, zum Beispiel bei Rollenprosa.“

          Dagegen ist nichts zu sagen. Aber Greiner tut noch mehr. Er lässt in seinem Text ausführlich einen Mann zu Wort kommen, der als Flüchtling aus Eritrea nach Deutschland kam und seine persönliche Erfahrung mit Rassismus vorträgt. Und da es sich um Kinderbücher dreht, werden auch Kinder befragt. Kurz, der Autor prüft und relativiert seine Position in geradezu mustergültiger Weise. Doch all das ist den Damen und Herren der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus nicht genug. Greiner wird zum Feind erklärt. Wer sich als Journalist der demokratischen Mitte zurechnet, in der es einmal legitimerweise rechts und links gab, so wie es rund und eckig gibt, Tag und Nacht, Ebbe und Flut, wird sich solche ideologiegesteuerten Einordnungen verbitten. Dass Fördergelder des Landes und des Bundes dafür eingesetzt werden, solche Diffamierung zu finanzieren, ist bodenlos.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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