https://www.faz.net/-gqz-a2g8u

Mathematik und Geschlechter : Die Gleich(stell)ung der Frau

  • -Aktualisiert am

Ein Frau mit vielen Talenten: die Mathematikerin und Pianistin Eugenia Cheng Bild: ddp/Basso Cannarsa/Opale/Leemage

Fragen der Geschlechterfairness lassen sich religiös, psychologisch oder parteipolitisch behandeln – oder man versucht es wie die Mathematikerin Eugenia Cheng: Mit Vernunft.

          1 Min.

          Eugenia Cheng macht sich’s nicht leicht. Sie ist Mathematikerin, arbeitet also auf einem Feld, wo sie nicht viele andere Frauen trifft. Zu den herablassenden, anzüglichen oder anderweitig lästigen Bemerkungen und sonstigen Zumutungen, die ihr das eingebracht hat, kommt noch die Dummheit von Leuten, die der im englischen Hampshire geborenen Wissenschaftlerin aufgrund ihres Aussehens und Namens mit Vorbehalten wider „Asiatisches“ begegnen. Chengs Fach ist die Kategorientheorie, die mit Pfeildiagrammen arbeitet, um Abstraktes zu verstehen, und eine Sprache spricht, in der „Objekte“ und „Morphismen“ (Verwandlungsvorschriften) zusammen Denkuniversen (eben „Kategorien“) bilden, zwischen denen dann „Funktoren“ (Übertragungsregeln) hin und her gehen, die gewisse „Wahrheitseigenschaften wahrer Sätze leiten, wie ein Stromkabel Elektrizität leitet“ (David I. Spivak). Mit der Kategorienlehre kann man viel anstellen, vom Ordnen konfuser Datenbestände im Computer bis zur Analyse der komplizierten „Spin-Netzwerke“ der Physik.

          Eugenia Cheng hat die Kategorientheorie in ihrem Mathe-Kochbuch „How to Bake Pi“ (2015) in Rezeptformat erklärt, mit dem Folgeband „Beyond Infinity“ (2018) das Unendliche ins Visier genommen und dann mit der vergnüglichen Denkfibel „The Art of Logic“ (2019) ihr Können auch verminten soziopolitischen Problemen zugewandt – etwa der Frage, ob und wie man die Ordnung gesellschaftlicher Privilegien als Verweisbild veranschaulichen kann und was das gegebenenfalls bringt. Ihre neueste Veröffentlichung nun riskiert noch mehr: „x + y“ mit dem Untertitel „A Mathematician’s Manifesto for Rethinking Gender“ ist eine Abhandlung zur Geschlechtergleichstellung, die von den Sorgen im Bereich MINT (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) aus ins Allgemeine greift.

          Dabei wird nicht nur Leuten die Optik geradegerückt, die mit dem Status quo zufrieden sind, sondern auch der eine oder andere Ansatz emanzipatorisch Wohlmeinender durchleuchtet (bringt forcierte Rekrutierung Ausgegrenzter mehr als das Zerbrechen der Ausgrenzungsabläufe, muss sich das ergänzen, oder wie oder was?). Mit einer dieser Phrasen, gegen deren Klischeemacht Eugenia Cheng ihr ungewöhnliches Leben lebt, ließe sich sagen, ihre mathematische Betrachtung von Quotenfragen diene der „Versachlichung der Debatte“. Aber das wäre nur platt gepredigt: Menschen sind eben keine Sachen, und wer ihre Probleme lösen will, darf nicht in Slogans denken, sondern braucht genaue, dynamische und schlüssige Begriffe – eben solche, die man in der Mathematik findet, wenn man sich’s nicht leicht macht.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Musik mit ganz neuen Spielregeln

          Jazzpianist Michael Wollny : Musik mit ganz neuen Spielregeln

          Wenn vier Männer wie Figuren in einem Videospiel durch die Musik laufen: „XXXX“ heißt die neue magische Platte des Jazzpianisten Michael Wollny, die er mit Emile Parisien, Tim Lefebvre und Christian Lillinger aufgenommen hat.

          Topmeldungen

          Vorbild für Moskau: Ein Mann lässt sich in der russischen Hauptstadt am Donnerstag mit dem Vakzin Sputnik V impfen

          Impfen in Russland : Moskau prescht mit Pflichtimpfung vor

          Moskaus Bürgermeister und drei weitere russische Regionen verpflichten Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter gegen das Coronavirus zu impfen. Der Kreml hingegen zögert angesichts der Impfunwilligkeit der Russen.
          Annalena Baerbock signiert am Donnerstag nach der Vorstellung ihres Buches ein Exemplar

          F.A.Z. Exklusiv : Baerbocks Pakt mit der Wirtschaft

          Die grüne Kanzlerkandidatin konkretisiert ihr Wirtschaftsprogramm. Ein zentraler Punkt sind Klimaschutzverträge, über die sie Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen will. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.