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Gartenserie : Die Pest in Nachbars Garten

Eine Betonmauer ist ökologisch wertvoller: Kirschlorbeer. Bild: Picture-Alliance

Umstrittene Modepflanze: Die Lorbeerkirsche ist giftig, immergrün, schwer auszurotten und spaltet die Gemüter.

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          Der Busch sieht aus wie Plastik, klingt aber vornehm: Kirschlorbeer. Schließlich kränzte Lorbeer stets die Gewinner des Lebens. „Erlauchte“ Herrschaften, die nichts mit stinkendem Lauch zu tun haben, sondern mit dem „laurus“, wie der Lorbeer lateinisch heißt, schützen sich gern mit Hecken vor den lästigen Blicken der Plebs. Deshalb pflanzen Siegertypen Kirschlorbeer, wie das Gehölz im Volksmund heißt, massenhaft in ihre aufgeräumten Neubaugärten, ohne zu ahnen, dass es sich dabei gar nicht um einen „Laurus“ handelt, sondern um eine „Prunus“, jene Gattung der Kirschen und Pflaumen, die zur Familie der Rosengewächse gehört. Die Blätter der „Lorbeerkirsche“ (Prunus laurocerasus), wie das dichtverzweigte Gehölz mit seinen giftigen Steinfrüchten korrekt heißt, ähneln zwar den Blättern des Lorbeers. Ledrig dick und wächsern glänzend, erinnern sie aber fatal an die Gummibäume in den Wohnzimmern der fünfziger Jahre.

          Claudia Schülke
          (c.s.), Freie Autorin

          Dennoch: Wer auf sich hält, pflanzt eine Lorbeerkirsche. Als Solitärgehölz oder als blickdichte Hecke, denn Thujahecken als Sichtschutz sind aus der Mode gekommen. Nachdem die Naturschützer sie jahrelang madig gemacht haben, weil sie ökologisch wertlos sind, weichen Garteneigentümer nun auf die Lorbeerkirschhecke aus, und der Naturschutzbund Deutschland hat somit ein neues Hassobjekt, das er als „hochgiftige ökologische Pest“ verdammt. Tatsächlich hatte der Botanische Sondergarten in Hamburg die Lorbeerkirsche zur Giftpflanze des Jahres 2013 gekürt. Eltern sollten wissen: Ein Kind, das mehr als zehn Samen der schwarz glänzenden „Kirsche“ zerkaut, kann daran sterben. Alle Teile der Pflanze, außer dem Fruchtfleisch, sind aufgrund ihrer blausäurehaltigen Glycoside giftig.

          Prunus laurocerasus aus der Familie der Rosengewächse.
          Prunus laurocerasus aus der Familie der Rosengewächse. : Bild: Picture-Alliance

          Aber das ist noch nicht alles, was die Pflanze aus Kleinasien und dem südlichen Balkan disqualifiziert. „Wer Kirschlorbeerhecken pflanzt, begeht ein Verbrechen an der Natur“, sagt Nabu-Geschäftsführer Sönke Hofmann. „Selbst eine Betonmauer ist ökologisch wertvoller, auf ihr wachsen mit der Zeit wenigstens Flechten und Moose.“ Harter Tobak. Die Lorbeerkirsche gehört zu den sogenannten invasiven Neophyten, nichtheimischen Pflanzen, die sich erst seit 1492 hierzulande breitmachen und die heimische Flora verdrängen. Da das wuchsfreudige Gehölz regelmäßig geschnitten werden muss, damit es nicht im Nu vier Meter hoch und drei Meter breit wird, entsorgt so mancher Gärtner den lästigen Grünschnitt verbotenerweise im Wald, wo die Lorbeerkirsche Wurzeln schlägt und weiterwuchert.

          Sie samt sich aber auch über den Gartenzaun hinweg aus – wie der allseits beliebte Sommerflieder, auch ein invasiver Neophyt. Der aber speist immerhin Schmetterlinge wie Tagpfauenauge und Admiral, was allerdings nur Sinn ergibt, wenn in der Nähe Brennnesseln als Kinderstube der Falter wachsen. Die Lorbeerkirsche dagegen hat den ohnehin schon darbenden Insekten nicht viel zu bieten. Sie produziert Nektar für Ameisen, auf den weißen traubigen Blütenständen einiger Sorten wurden Hummeln gesichtet, auch der grün schillernde Rosenkäfer liebt Pollen, Blütenblätter und Nektar, aber Bienen machen sich rar. Vögel immerhin finden Unterschlupf, falls ein Wanderfalke hinter ihnen her ist, aber nur Amseln und Drosseln kosten auch von den Früchten. Dann scheiden sie die Samen aus und sorgen damit für Nachwuchs, wo er nicht gebraucht wird. Etwa im eigenen Rasen, wie die Agrarwissenschaftlerin und Baumexpertin Brunhilde Bross-Burkhardt beklagt: „Die Sämlinge muss ich ausgraben. Abschneiden hilft nicht, da sie sich aus dem unterirdischen Rest neu bestocken. Ja, manchmal denke ich, die Lorbeerkirsche ist ein Teufelszeug.“

          So wird die vermeintlich edle Pflanze für die Kenner zum „Unkraut“. Was macht sie nur so beliebt? Winterhart ist sie und täuscht immergrün ewigen Sommer vor. Pflegeleicht ist sie auch und mit jedem Standort zufrieden, sofern man vom erzwungenen Rückschnitt absieht. Ist sie schön? Allenfalls wie ein Kunstgeschöpf aus dem 3D-Drucker. Der Nabu übrigens empfiehlt, Eiben als Hecke zu pflanzen, ohne zu bedenken, dass die Eibe noch giftiger ist und Papa Hamlet an ihrem Saft starb. Ihr rot leuchtendes Fruchtfleisch kann man zwar bedenkenlos essen, aber wehe, ein Kern gerät zwischen die Zähne. Wer wollte dafür geradestehen?

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