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Hundert Jahre P. D. James : Durch nichts zu schockieren

Die Autorin Phyllis Dorothy James wäre heute hundert Jahre alt geworden. Bild: AFP

P. D. James war die Literatin unter den großen britischen Kriminalautorinnen, mit einzigartigem Blick für menschliches Unglück und menschliche Schuld. Warum man dieser Autorin treu bleibt und gerne fünftausend Seiten von ihr liest – eine Hommage zum hundertsten Geburtstag.

          7 Min.

          Als Phyllis Dorothy James 1962 ihren ersten Kriminalroman „Cover Her Face“ (auf Deutsch: „Ein Spiel zuviel“) veröffentlichte, war sie zweiundvierzig Jahre alt, arbeitete beim National Health Service und hatte nicht nur zwei Kinder zu versorgen, sondern auch einen vom Zweiten Weltkrieg traumatisierten Mann. Er starb einige Jahre darauf. Berufsschriftstellerin zu werden, daran war für sie lange Zeit nicht zu denken. Anfangs konnte sie die beiden Töchter bei den Schwiegereltern parken. Die Abend- oder sehr frühen Morgenstunden räumte sie fürs Schreiben frei. Bis sie fast sechzig war, arbeitete sie weiter, erst im Gesundheitswesen, später in der Kriminalabteilung des Home Office, was ihr Zugang zu nützlichem Detailwissen verschaffte, so wie sich auch ihre große Vorgängerin Agatha Christie privilegierte Kenntnisse über das Giftmischen in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs besorgt hatte. Innerhalb eines halben Jahrhunderts entstanden neunzehn Romane, mehrere Kurzgeschichtensammlungen und Sachbücher, die beim Londoner Verlag Faber and Faber erschienen und in jüngster Zeit in überarbeiteten Neuausgaben auch wieder auf Deutsch herausgekommen sind.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          „No fuss!“ Das herrliche englische Wort, aus dem die Ungeduld klingt wie ein kleiner Peitschenknall, könnte über James’ Leben, aber auch über ihren Kriminalromanen stehen. Der Krieg und die Ärmlichkeit der Jahre danach haben bei der 1920 in Oxford geborenen Autorin, die als P. D. James Weltruhm errang, tiefe Spuren hinterlassen, haben sie pragmatisch, nüchtern und stark gemacht. Auch ihre Figuren kennen Unglück, doch kaum Larmoyanz, und viele von ihnen, die Guten wie die Bösen, bewachen ihre privatesten Gefühle, als stünden sie unter Waffen. Daneben gibt es leise, anrührende Szenen, Vignetten von sonderbaren Bündnissen, die Verlust und Einsamkeit schmieden: zwei tüttelige ältere Damen in der perfekten Wohngemeinschaft in dem Roman „Tod im weißen Häubchen“ (1971) oder eine einsame ältere Frau, die sich um einen verwahrlosten Zehnjährigen kümmert („Der Beigeschmack des Todes“, 1986).

          Warum bleibt man einer Autorin treu und liest von ihr fünftausend Seiten, obwohl der klassische Detektivroman so schweren Ballast mit sich herumschleppt wie die obligatorische Leiche und verwirrende Indizien? Weil man Mord zur Unterhaltung braucht? Nein. Wohl eher, weil P.D. James ein fabelhaft reiches Englisch schreibt, ihre Dialoge einen atemlos weiterlesen lassen und die Autorin sich so tief in unglückliche zwischenmenschliche Beziehungen hineinbegibt wie die besten und ernsthaftesten ihrer Zeitgenossen. Nur auf der Oberfläche der Handlung sind ihre Romane Krimis; tiefer drinnen sind es fesselnde Charakterstudien, die gerade in der Extremsituation betrieben werden, wenn ein Mensch mit der größten denkbaren Schuld konfrontiert ist.

          Dalglieshs Vorgeschichte ist tragisch

          P. D. James, die „Queen of Crime“, war wohl die literarischste unter den großen britischen Schriftstellerinnen des letzten Jahrhunderts, die von sorgfältig vorbereitetem Mord und seiner ebenso sorgfältig geschilderten Aufklärung lebten. Ihre wichtigste Figur ist Chief Inspector (später Commander) Adam Dalgliesh, Ermittler bei New Scotland Yard und Held von vierzehn Romanen; in zwei weiteren Büchern mit der jungen Privatdetektivin Cordelia Gray als Hauptfigur huscht er im Hintergrund über die Szene. Dalgliesh ist physisch wie charakterlich eine so attraktive Mischung, dass sich James’ erste Faber-Lektorin sofort in seine tiefblauen Augen verliebte und dies als Notiz vermerkte. Er ist groß, schmal, jungenhaft trotz seiner Jahre und außerdem: Dichter, Witwer, Jaguar-Fahrer und melancholischer Einzelgänger mit einem diskreten romantischen Hauch. Sagen wir lieber: Alles an ihm ist diskret. Und deshalb geheimnisvoll.

          Dalglieshs Vorgeschichte ist hinreichend tragisch – seine Frau ist bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben; das Kind auch. Immer wieder ruft der Ermittler, wenn er seinen einzelgängerischen Gedanken nachhängt, die verlorene Partnerin auf, an deren Züge er sich kaum noch erinnern kann, weil er dem Schmerz der ersten Zeit mit innerer Blockade begegnet ist, und das sind die Momente, in denen wir Leser uns ihm wirklich nahe fühlen. Bis es dann wieder an die Detektivarbeit geht, an Zähigkeit, Klugheit und Systematik, und natürlich wird uns dann auch wieder bewusst, dass der wahre Kommissar in seinem Leben keinen Platz für eine Ehefrau hat – kaum jemand außer Maigret hatte das.

          Auch bei P. D. James gibt es Szenen, wo nur die Sonne Zeuge ist: Roy Marsden als Ermittler Adam Dalgliesh in der Verfilmung eines ihrer Krimis.
          Auch bei P. D. James gibt es Szenen, wo nur die Sonne Zeuge ist: Roy Marsden als Ermittler Adam Dalgliesh in der Verfilmung eines ihrer Krimis. : Bild: Getty

          „Ich verlieh ihm die Eigenschaften, die ich persönlich in beiden Geschlechtern bewundere“, hat P. D. James über ihre größte Figur einmal geschrieben: „Klugheit, Mut, aber keine Tollkühnheit, Empfindsamkeit, aber keine Sentimentalität, Ausdauer.“ Und so ist er geworden. Man mag ihn einfach. Dalgliesh, der Sohn eines anglikanischen Geistlichen, doch im Herzen ein Agnostiker, sucht immer wieder Kirchen auf, um mit Fragen von Moral und Religion zu ringen und die Verbindung zum Glauben seines Vaters nicht abreißen zu lassen. So ungefähr, könnte man annehmen, hat auch P. D. James gerungen – ohne Verzweiflung, eher mit System. Natürlich kommt Dalgliesh mit dem Grübeln nicht von der Stelle, so dass er im Grunde immer derselbe bleibt, auch wenn die Autorin ihn als Poeten mit den Jahren berühmter werden lässt und im allerletzten Roman der Serie („Ein makelloser Tod“, 2008) sogar verheiratet. James selbst hat ihren metaphysischen Neigungen nachgegeben, indem sie manche Romane im klerikalen Milieu ansiedelte, einen Geistlichen ermorden ließ („Der schwarze Turm“, 1975) oder eine Kirche als schaurig-pittoresken Tatort benutzte („Der Beigeschmack des Todes“) – mit dem wunderbaren Clou, dass das entscheidende Beweisstück im Opferstock landet.

          James’ Größe als Literatin liegt in der Kunst der Charakterzeichnung

          Je länger James im Geschäft war, desto deutlicher schlugen sich ihre Bildungsinteressen in den Romanen nieder, und der Betrieb honorierte es mit sieben Ehrendoktorhüten und zahlreichen internationalen Literaturpreisen. James-Leser wissen, dass die Autorin sich für expressive Malerei interessierte, alte Landkirchen liebte, dass sie etwas von Blumen, Gärten und Parks verstand, von anglikanischer Liturgie, viktorianischen Möbeln und allerlei britischem Trödel. Weshalb sie auch die alte englische Literatur schätzte, allen voran Jane Austen, zu deren Roman „Stolz und Vorurteil“ sie mit neunzig Jahren eine krimihafte Fortsetzung schrieb („Der Tod kommt nach Pemberley“, 2011). Ganz selten hat sie es mit dem Bildungsgut übertrieben wie in „Der Tod betritt die Bühne“ (1982), dem zweiten Roman um die Privatdetektivin Cordelia Gray, wo ihr Schreiben antiquarisch und etwas langweilig wurde. Aber das blieb die Ausnahme. Wer partout keine klassischen Krimis mag, sollte zumindest ihren Solitär mit dem Originaltitel „Innocent Blood“ („Ihres Vaters Haus“) aus dem Jahre 1980 lesen, der spannenden Geschichte einer Waise, die sich auf die Suche nach ihrer Mutter begibt und lebensverändernde Entdeckungen macht.

          James’ Größe als Literatin liegt in der Kunst der Charakterzeichnung, und man muss den Begriff sehr weit fassen. Die Autorin zeigt uns, wie ihre Figuren leben, woran sie glauben, wie sie ihre Wohnungen einrichten, sie enthüllt ihre Hoffnungen und ihre Enttäuschungen, führt uns in ihre Albträume und vor ihre Kleiderschränke. Einsame, selbstbestimmte junge Frauen, die sich gegen einen Makel ihrer Vergangenheit panzern, sind ihre Stärke. Dazu malt die Autorin die oftmals klaustrophobisch engen Schauplätze gebührend aus – eine psychiatrische Anstalt, eine Schwesternschule, ein Labor, ein Pflegeheim. Meist sind die Namen, manchmal auch ihre Topographie erfunden und spiegeln nur atmosphärisch einen realen Ort, mit Vorliebe in wilderen englischen Grafschaften am Meer mit den passenden Cottages, Kapellen und Ruinen. Auch Wind ist wichtig, sein insistentes Heulen, dazu die windgeschüttelte Vegetation.

          Hierin liegt auch der Grund, warum manche James-Romane sechshundert Seiten umfassen, fast schon das Format einer viktorianischen three-volume novel: weil es Zeit und Raum braucht, eine Welt aufzubauen und die in ihr lebenden Figuren zu beschreiben. Die Paradeszenen vieler ihrer Bücher sind das, was man gemeinhin „Verhöre“ nennt, doch bei P. D. James sind sie viel mehr, als der Begriff vermuten ließe. Denn Adam Dalgliesh hat es oft mit erfolgreichen, selbstgewissen, intelligenten Menschen zu tun, die den Mann von New Scotland Yard kaum weniger auf die Probe stellen wollen als er sie. Oder mit mürrischen, verschlossenen, distanzierten Leuten, denen er dennoch Informationen entwinden muss.

          Die Eigennamen der vielen Figuren, man vergisst sie unweigerlich

          Bei diesen Begegnungen, die im Buch leicht zwölf Seiten beanspruchen, treten Alibi oder Motiv nur scheinbar in den Vordergrund; in Wahrheit handelt es sich um ein emotionales und intellektuelles Ringen und, von Dalglieshs Seite aus, um eine Wahrnehmungsübung von mönchischer Demut, ein respektvolles, alle Sinne einschließendes Durchleuchten der privaten Sicherheitszone seines Gegenübers und um die richtige Kombination von Anziehen und Lockerlassen.

          Vielleicht geht es vielen James-Lesern ja so wie diesem: Wenn die notorischen, aber auch banalen Geheimnisse der Kriminalromane (Wer ist der Mörder? Welches Indiz hat ihn verraten?) in der Erinnerung längst verblasst sind, weil sie doch immer etwas krämerhaft aufgezählt werden müssen und ohnehin nur als Vehikel dienten, das Erzählen in Gang zu bringen, dann stehen die vielen Verhörszenen einem immer noch mit leuchtender Schärfe vor Augen. Und man spürt: Wegen dieser Szenen ist P. D. James Schriftstellerin geworden. Die Eigennamen der vielen Figuren, man vergisst sie unweigerlich. Oft sind sie schon weg, wenn man ein paar Wochen später noch einmal das Buch durchblättert. Aber der Blick der Erzählerin, die so viel über ihre Menschen weiß und alle ihre Leidenschaften kennt, so dass sie Verhöre über eine Straftat in Meditationen über Sinn und Vergeblichkeit verwandeln kann, legt das Innenleben der Figuren frei wie ein Röntgenbild. Das schöne Wort von Peter Handke über Patricia Highsmith ist auch hier am Platz: Man habe „das Gefühl, unter dem Schutz einer großen Schriftstellerin zu stehen“.

          Kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag – sie war längst mit dem Adelstitel „Baroness James of Holland Park“ geehrt worden – schrieb P. D. James das Buch „Talking about Detective Fiction“ (2009). Darin erläutert sie ihren Begriff von Kriminalliteratur, spricht von Tricks, Methode und Moral und verneigt sich vor großen Vorgängerinnen wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und anderen Autorinnen des „Golden Age“, jener Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als bis in englische Dörfer der Abglanz des kolonialen Weltreichs fiel und die Welt im Wesentlichen in Ordnung war.

          Nur in einem solcherart geordneten Universum konnte Mord zum Hobby für Millionen Briten werden, die mit unersättlicher Gier davon lasen. Und so blickte P.D. James immer auf das Verdienst dieses Typs von Literatur: Unterhaltung und Entspannung gebracht zu haben in schwierigen Zeiten, nicht zuletzt in den Jahren, als deutsche Bomben fielen. Sie selbst empfand das Schreiben von Mord und seiner Aufklärung immer als Ordnungschaffen, als Wiedereinsetzen einer temporär aus den Fugen geratenen Harmonie, und sie sah nichts Schlechtes darin. Im Gegenteil, sie war einzigartig ausgerüstet. In dem Roman „Vorsatz und Begierde“ (1989) sagt eine Frau über ihre Freundin, sie sei „intelligent, belesen, unsentimental und nicht zu schockieren“. Das, in a nutshell, ist das Wesen von P. D. James, wie es uns hundert Jahre nach ihrer Geburt aus ihren Romanen entgegentritt.

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