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Die neuen Literaturdebüts : Wir könnten den Jaguar nehmen

Die Schriftstellerin Alina Herbing Bild: Anikka Bauer

Takis Würger will in den Club. Tijan Sila führt uns in das belagerte Sarajevo. Alina Herbing rechnet mit dem Leben auf dem Land ab. Jan Schomburg kann einfach schreiben. Und dann kommt Juliana Kálnay und bricht alle Regeln.

          Es gibt für jeden, der mit seinem ersten Roman die literarische Bühne betritt, die Chance, alle für sich zu gewinnen: den Buchhandel, die Kritik und die Leser, und als Schriftstellerin oder Schriftsteller mit einem Mal da zu sein. Alle kennen einen, alle reden über einen, alle wollen das neue Buch haben. Das passiert nicht oft, aber die Chance ist jedes Mal da und die Hoffnung darauf völlig berechtigt. Und weil der Literaturbetrieb nicht einfach ein Glücksspiel ist, sondern vor allem auch ein ziemlich unerbittlicher Markt, versuchen manche Autoren, ihre Chancen ein bisschen zu erhöhen, und machen vorab schon mal Wind. Es ist ihr gutes Recht, alles zu versuchen.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn man die Debüts dieses Frühjahrs auspackt, um sich zwei Wochen lang durch sie hindurchzulesen, was eine tolle Erfahrung ist, gerade weil man nichts Bestimmtes erwartet, ist es dann aber schon lustig, mit dem Roman von Takis Würger, „Der Club“, der Anfang März erscheinen wird, gleich eine Handvoll Zitate von prominenten „Kollegen“ mitgeliefert zu bekommen. Darunter: „Takis Würgers zauberzarte Geschichte ist ein Buch, das man zum Freund will“ (Benjamin von Stuckrad-Barre). Oder: „Es gibt nur wenige echte Schriftsteller. Ich glaube, Takis Würger ist einer“ (Thomas Glavinic). In der Praxis bedeutet dies, dass der Autor Stuckrad-Barre und Glavinic gebeten hat, sein Buch vorab zu lesen und zu loben. Das gibt es oft, fünf solcher Zitate beweisen allerdings einen großen Ehrgeiz. Zumal Takis Würger, Jahrgang 1985, Reporter beim „Spiegel“, mit lackierten Nägeln und verschmierter Mascara auf Instagram neulich verkleidet als Schriftstellerin Ronja von Rönne für seinen bald erscheinenden Roman geworben hatte, was sich natürlich herumsprach. Das ist schon sehr viel Wind.

          Takis Würger

          „Der Club“ erzählt die Geschichte von Hans, dessen Eltern bereits auf Seite 18 tot sind (es wirkt ein bisschen so, als müssten die erst mal weg, damit die Geschichte losgehen kann), so dass Hans, der noch ein Kind ist, aufs Internat kommt. Dort bringt ihm ein Pater im Weinkeller das Boxen bei, was wichtig ist für diesen Roman, der im weiteren Verlauf auch ein Boxroman ist. Auf Seite 30 sitzt er aber schon bei seiner Tante, einer Professorin, die am St. John’s College in Cambridge lehrt. Sie verspricht, ihm einen Studienplatz, ein Stipendium und einen neuen Namen zu besorgen, wie man das sonst nur mit den Kindern von Politikern und Milliardären macht. Er soll im sogenannten Pitt Club Mitglied werden und dort für sie verdeckt ermitteln: „Es geht um ein Verbrechen, Hans. Ich brauche deine Hilfe, weil ich ein Verbrechen aufklären muss.“ Von da an ist das Buch ein Krimi.

          Aber eben nicht nur. Denn Takis Würger will viel auf einmal. Er will eindringen in eine elitäre dunkle Herrenclubwelt mit alten Traditionen und teurer Ausstattung. Er will mit einem Ausflug aufs Land in ein leer stehendes Herrenhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert eine romanische Liebesgeschichte erzählen, die er an Evelyn Waughs „Wiedersehen mit Brideshead“ anlehnt: „,Wir sollten nach Somerset fahren‘, sagte sie. ,Es ist zauberhaft im Frühjahr, du musst die Apfelplantagen im Raureif sehen, wir könnten den Jaguar nehmen und wären in drei Stunden dort.‘“ Er bringt sogar ein paar Kochrezepte unter. Und er dopt, mit den Boxkämpfen („Arm, reich, egal. Heute Nacht war ich ein Boxer“) und den gewalttätigen Ritualen der Clubwelt, die gesamte Erzählung mit viel Testosteron, was vermutlich Gefährlichkeit signalisieren soll.

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