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Kanzlersturz : Lieber rot als tot

  • -Aktualisiert am

Vielleicht ist Sigmar Gabriel hier in Gedanken schon bei seiner möglichen Kanzlerschaft? Bild: dpa

Durch das lupenrein demokratische Mittel des Kanzlersturzes könnte gezeigt werden, dass Politik ganz einfach machbar ist. Sigmar Gabriel würde das Amt sicher nicht ablehnen.

          Worauf wartet Sigmar Gabriel noch? Diese Gelegenheit kommt so schnell nicht, ja wahrscheinlich überhaupt nie wieder. Er muss nur wollen. Aber will er? Er will wahrscheinlich nicht Kanzlerkandidat werden (weil er ahnt, dass er dann gegen Merkel verlieren wird), aber Kanzler will er bestimmt werden. Es ist jedenfalls eine neue Lage eingetreten beziehungsweise: Eine neue Lage ist insofern nicht eingetreten, als sich an der Zusammensetzung des Bundestags ja nichts geändert hat, bloß weil der Linken-Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch jetzt sagt: „Gabriel könnte nächste Woche Kanzler sein.“ Das ist nicht mehr lange hin. Es wäre dann eine Nacht-und-Nebel-Aktion, die etwas Erfrischendes hätte, nicht diese ewige verdruckste Nominiererei, bei der nie jemand so richtig wollen darf, bei der sich aber vor allem niemand gerne als Zählkandidat verwenden lässt.

          Bartsch ruft jetzt jedenfalls ganz offen zum Kanzlersturz auf – nicht Gabriels, der ist ja noch gar nicht nominiert, geschweige denn gewählt; sondern Merkels, der amtierenden Bundeskanzlerin, die die Öffentlichkeit mit ihrer Floskel vom „gegebenen Zeitpunkt“, zu dem sie sich zu einer möglichen Amtsverlängerung zu äußern geruhen werde, vermutlich nicht mehr allzu lange wird hinhalten können. Sie muss nun nämlich aufpassen: Was ist, wenn sie zum ungegebenen Zeitpunkt ohne Federlesens gestürzt wird, wie es Bartsch, „mit dem Dolch im Gewande“, vorschlägt. Wie immer man die Chancen für ein solches in der Bundesrepublik nicht gerade alltägliches, aber – wie die „geistig-moralische“ Wende zeigt, die Kohl damals herbeigeführt hatte – auch nicht ganz und gar unmögliches Manöver einschätzen mag – eines steht fest: Endlich wieder Leben in der Bude! Man muss Bartsch nur beim Wort nehmen, und schon hätte man das Paradoxon, dass sich ein handfester und ja nur praktisch umsetzbarer Vorschlag als eine Vision entpuppte, die diesen Namen auch verdiente und, im Sinne des von Kohl damals abservierten Helmut Schmidt, absolut nichts Pathologisches an sich hätte.

          Im Gegenteil, es könnte ein sehr gesunder Ruck durch die Abgeordnetenreihen und mittelbar auch durch die Bevölkerung gehen, indem dann alle wieder wüssten, dass Politik ganz einfach machbar wäre, nicht durch bräsiges Abwarten bis zum gegebenen Zeitpunkt, sondern durch das lupenrein demokratische Mittel eben des Kanzlersturzes. Immerhin steht es, nach Sitzen, 320:310 für Rot-Rot-Grün. Der Spruch „Herr Präsident, ich nehme die Wahl an“ wird Gabriel dann schon über die Lippen und uns anderen, die langsam auch mal wieder einen kleinen parlamentarischen Aufreger vertragen könnten, runtergehen wie Öl. Da macht sich doch niemand Bange, Mann, Bartsch, geh du voran!

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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