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Lob der Leichtathletik : Es lebe der Sport

  • -Aktualisiert am

Wie der Blitz laufen sie an einem vorbei: Frauen der Leichtathletik-EM im Finale der 3000 Meter Hindernis. Bild: dpa

Weil die Welt in so schlechtem Zustand ist, herrscht überall dystopische schlechte Laune. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels: Das konnte man bei der Leichtathletik-EM beobachten. Ein Lob auf die Mutter aller Sportarten.

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          Unzufriedenheit gehört zur Hoffnung, befand vor vielen Jahren der Philosoph Ernst Bloch, weil er darin den Keim der Veränderungsbereitschaft sah. Unzufriedenheit gibt es auch heute noch, allein um die Hoffnung steht es nicht mehr allzu gut. Das Ende der Utopien wird schon seit Jahrzehnten beklagt, mitunter auch begrüßt und überhaupt: von besseren Zeiten träumen? Das war einmal. Wenn es um die Zukunft der Gesellschaft geht, sind sich, obgleich unterschiedlich motiviert, schnell alle einig: sieht eher nicht so rosig aus. Wohin man auch blickt, nichts als dystopische schlechte Laune. Trump, Putin, Erdogan und dann auch noch der Klimawandel! Eine neue Heißzeit wird befürchtet, die Folgen bleiben lieber verdrängt, latentes Unbehagen durchzieht die öffentlichen Diskurse der vielfältigen Gesellschaftskritik.

          Doch siehe da: strahlendes Licht am Ende des Tunnels, zumindest neulich noch und wenn auch bloß als „gehoffte Hoffnung“ und nicht, wie Bloch sich das so dachte, als „hoffende Hoffnung“. Auf eine Insel der Erhabenheit nämlich konnte bis gestern fliehen, wer eine Pause vom angestrengten Nachdenken über unsere angestrengte Gesellschaft braucht. Da liefen sie wie der Blitz an uns Normalsterblichen vorbei, die Leichtathleten der Berliner Europameisterschaft, sprangen in die höchsten Höhen und die weitesten Weiten, warfen mit Kugeln, Speeren und Disken, kämpften, lachten, weinten – und wir weinten mit ihnen, weil ihr Streben nach Perfektion und Präzision so beeindruckend, ihre Hingabe zutiefst rührend ist.

          Eine Insel der Erhabenheit

          Für die Dauer dieser Bilder durfte man vergessen, was sonst noch ist, man durfte entlastet werden von der Schwere des Alltags und sich daran erfreuen, dass der Sport, wie der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette einmal schrieb, nur „auf sich selbst und auf nichts anderes“ verweist. Nirgendwo ist das überzeugender als in der Leichtathletik, der Mutter aller Sportarten, die, so scheint es, Sportler hervorbringt, die jeden Bewegungsablauf des menschlichen Körpers von der Pike auf gelernt, trainiert, ausgefeilt haben. Nichts ist geschummelt, nichts wird ausgelassen. So erhaben ist ihre Haltung beim Laufen und Springen, so kraftvoll, so atemraubend ihre Geschwindigkeit und Ausdauer, von so überzeugender Ästhetik der athletische Körper. Es weitet die Seele, ihnen dabei zuzuschauen.

          Ausblenden möchte man beim anteilnehmenden Zuschauen die schmutzigen Seiten des Sports, das Wissen um Doping, mit dem, wie Bette zu Recht schreibt, der Sport seine wichtigsten Ressourcen angreift, „nämlich sein Versprechen, dass es kein subversives Unterlaufen seines Sieg/Niederlage-Codes geben darf“. Nein, wir wollen uns nun wieder hoffender Hoffnung an jene wunderbar selbstbezüglichen Momente zurückerinnern, die uns ein „Refugium für die Beobachtung bewegter Körper“ boten und, so drückt Bette es aus, nachwirken, indem der Körper Spuren in der Gesellschaft und umgekehrt die Gesellschaft Spuren im Körper hinterlässt. Für eine Weile ist die Insel der Erhabenheit nun wieder untergegangen, die Körperspuren aber bleiben.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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