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Die Lage des Landes : Das bedrohte Erbe der Gründungsväter

  • -Aktualisiert am

Entfremdung von Obamas Politik: In Denver werden, wie in vielen Städten, an Bedürftige Lebensmittel für Thanksgiving ausgegeben Bild: AFP

Alle haben Obama und dessen Partei die Gunst entzogen. Warum aber stimmen so viele Amerikaner gegen ihre besten Interessen? Weil sie um ihre Freiheit fürchten - und die ist für sie nur ein anderes Wort für Steuersenkung.

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          Wenn heute die traditionsbewusste amerikanische Hausfrau den Truthahn auf den Tisch wuchtet und die vollzählig versammelte Familie drum herum Platz nimmt, dann erzählt der Vater, der unter den Anhängern der Tea Party neue Freunde gefunden hat, folgende Geschichte: Thanksgiving ist der Triumph des Kapitalismus. Nach ihrem Anfangsexperiment mit dem Sozialismus, der ihnen Hunger bescherte, waren die Puritaner bald klug genug, nicht mehr an den falschen Gott der besitzlosen Nächstenliebe zu glauben. Stattdessen achteten sie auf ihren Eigennutz, der aber wunderbarerweise immer allen zugutekam. Reiche Ernte war die Folge. Und darum feiert Amerika bis heute Thanksgiving als Urerfahrung kapitalistischer Erleuchtung.

          Die historisch frei flottierende Geschichte hat den Vorteil, dass sie allenfalls ein paar Tage überlebt. Mit den Resten des Truthahns verschwindet auch sie vom patriotisch gedeckten Tisch. Anders ist es mit den vielen Geschichten, die über die jüngste Wahl kursieren. Für sie gibt es kein Verfallsdatum, schon weil in Amerika seit geraumer Zeit immer Wahlkampf herrscht. Wahltage sind nichts weiteres mehr als Wegweiser zum nächsten Etappensieg. Die heillos zerstrittenen Parteien können und wollen sich auf eine gemeinsame Richtung nicht einigen, selbst nach einer Wahl wie dieser, die Sieger und Verlierer klar trennte.

          Alle haben Obama und dessen Partei die Gunst entzogen

          Unbestritten sind nur die Folgen der wirtschaftlichen Misere. Junge und alte Amerikaner, schwarze und weiße, städtische und ländliche, gut und schlecht ausgebildete, gläubige und nichtgläubige, alle haben Obama und dessen Partei die Gunst entzogen. Laut Statistik tanzt eine einzige Bevölkerungsgruppe aus der Reihe, nämlich die beneidenswerte Minderheit, der es nach eigenem Bekunden heute finanziell besser geht als gestern. Schlagkräftiger ist die Theorie der ökonomisch geprägten Wahl nicht zu beweisen.

          Der Triumph des Kapitalismus? Am heutigen Donnerstag feiern die Amerikaner Thanksgiving

          Im Übrigen zweifelt die Rechte nicht daran, dass Amerika seine Schulden abbauen will, ohne mehr Steuern zu zahlen, während die Linke, wie es Verlierer tun, über den Wählerauftrag rätselt. Ronald Dworkin, Rechtsphilosoph an der New York University, blättert in der „New York Review of Books“ einen Fragenkatalog auf: „Warum bestehen so viele Amerikaner darauf, gegen ihre besten Interessen zu stimmen? Warum gießen sie Hass über einen Gesundheitsplan, der sie besser absichert, als sie es je waren? Oder über Stimulusausgaben, die sie davor bewahrten, dass ein schlimmes ökonomisches Klima noch schlimmer für sie wird? Oder über Steuerentwürfe, die ihre eigenen Steuern senken, indem sie die von Leuten erhöhen, die reicher sind, als sie selbst es je sein werden? Warum stimmen so viele für eine Partei, die von Bankern und Tradern, den Verursachern der ökonomischen Katastrophe, bevorzugt wird?“

          Eine Mehrheit der Amerikaner ist für die staatliche Rentenversicherung

          Zwei Wörter genügen Michael Tomasky, um in derselben Zeitschrift zu antworten: freedom und liberty. Schon vor der Wahl wies er darauf hin, dass Republikaner routinemäßig große Themen aufklingen und Details verschwimmen lassen, Demokraten dagegen große Themen meiden und sich auf Details konzentrieren. Republikanisch gedacht, geht es bei der staatlichen Krankenversicherung also um einen Angriff auf die Unabhängigkeit des einzelnen Bürgers und kann es ohne Steuersenkungen und deregulierte Märkte keine Freiheit geben.

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