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Kulturpflanze Esskastanie : Das frühere Brot der Armen ist nun selbst arm dran

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Wichtige Kulturpflanze des Altertums: Kastanienhain in Andalusien. Bild: Picture-Alliance

Nicht nur, dass andere Nutzpflanzen der Kastanie ihre Bedeutung genommen haben – der Baum ist auch durch Krankheiten gebeutelt. Höchste Zeit für eine Wiederentdeckung der vitaminreichen, gesunden Frucht.

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          „Die Kastanien aus dem Feuer holen“: Diese sprichwörtliche Wendung, die heute noch in aller Munde ist, verdanken wir einer Fabel von La Fontaine, in dem der listige Affe Bertrand seinen Hausgenossen, den Kater Raton, überredet, geröstete Kastanien aus der Glut zu holen, die er sofort aufknackt und allein verspeist. Objekt der Begierde sind die Früchte der Ess- oder Edelkastanie (Castanea sativa), die zur Familie der Buchengewächse zählt und von der Rosskastanie (Aesculus) zu unterscheiden ist, die zu den Seifenbaumgewächsen gehört. Sie sind nicht miteinander verwandt, auch wenn Früchte und Fruchtstand einander ähneln.

          Die Esskastanien werden häufig auch Maronen genannt. Allerdings handelt es sich bei der Marone genau genommen um eine züchterische Optimierung: Die Maronen schmecken besser, sind größer und süßer, haben eine herzförmige Unterseite und lassen sich in der Regel einfacher schälen. Doch die Zahl der Sorten ist selbst für Spezialisten kaum zu überschauen; denn Aberhunderte Kastanien wurden für die jeweiligen Standortbedingungen gezüchtet. Folglich entstanden zahlreiche Sorten, von denen die meisten inzwischen ausgestorben sind.

          Kein Gedeihen ohne menschliche Pflege

          Aber in einzelnen Regionen des Mittelmeerraumes findet sich heute noch eine beachtliche Vielfalt. Manche Kastanien dienen dem unmittelbaren Verzehr, andere eignen sich zum Dörren und zur Herstellung von Mehl, wieder andere können bis zum Frühjahr gelagert werden, wenn sie durch entsprechende Techniken haltbar gemacht wurden. Doch nicht nur die Früchte, die zwischen September und November geerntet werden, sind von Nutzen. Seit alters dient das widerstandsfähige rötlich-braune Holz zur Herstellung von Möbeln, Fässern und Weinpfählen. Die Blätter finden auch als Heilmittel Verwendung. Und Kastanienhonig ist eine wahre Delikatesse.

          Vitaminreich und glutenfrei: Frucht der Edelkastanie.

          Der Baum liebt Berge und Täler, scheut aber das Wasser. Typisch ist der Anbau in Hainen, sogenannten Selven. Hier stehen etwa achtzig bis hundert Hochstämme pro Hektar. Ohne menschliche Pflege hat eine solche Plantage keine Aussicht auf Gedeihen: Gerade die jungen Bäume brauchen viel Licht; rasch wachsende Konkurrenten müssen deshalb in dieser Monokultur entfernt werden. Nur so können die Kastanien uralt werden. Mächtige Bäume sind 35 Meter hoch, und ihr Stammumfang beträgt bis zu vier Metern.

          Die „Tintenkrankheit“ befällt die Wurzeln

          Die Edelkastanie zählt zu den bedeutendsten Kulturpflanzen, die uns das Altertum hinterlassen hat. Die Römer, vielleicht auch die Kelten brachten die Sprösslinge aus den wärmeren Regionen des Mittelmeerraumes in nördlichere Gefilde. Schon damals wusste man um die Nähr- und Heilkraft der Früchte. Sie sind eiweißreich und stärkehaltig, voller Vitamine und Mineralstoffe und weniger fett als andere Nüsse. Die glatten Früchte bevorzugte man geröstet, da sie dann besser verdaulich sind. Die rauhen warf man den Schweinen zur Mast vor.

          Baum des Jahres 2018 und von Krankheiten bedroht: Man sucht nun nach resistenteren Arten.

          Für die ländliche Bevölkerung in höher gelegenen Tälern waren die Kastanien seit dem Mittelalter Grundnahrungsmittel. Im Winter kam häufig nichts anderes auf den Tisch. Die Selven bewirtschaftete man nach strengen Regeln in gemeinschaftlicher Arbeit, und die in Räucherkaten getrockneten Früchte wurden in die Ferne verkauft.

          Seit dem siebzehnten Jahrhundert verlor das „Brot der Armen“ jedoch kontinuierlich an Bedeutung. Kartoffel und Mais fanden Verbreitung, Weizen wurde importiert, und immer mehr Menschen verließen die Täler, um anderswo ihr Auskommen zu finden. Versorgungsengpässe im Zweiten Weltkrieg verzögerten den Niedergang nur kurzfristig. Nun zerstörte der aus Nordamerika eingeschleppte Kastanienrindenkrebs Abertausende Bäume, die nicht mehr ersetzt wurden. Zudem schädigt die sogenannte Tintenkrankheit seit dem neunzehnten Jahrhundert die Bestände: Pilze befallen die Wurzeln, verursachen schwarzen Ausfluss an der Stammbasis und lassen selbst große Bäume in kurzer Zeit eingehen. Man ist auf der Suche nach resistenteren Sorten.

          Der Baum des Jahres 2018 ist also in Gefahr. Umso begrüßenswerter sind regionale Initiativen, die versuchen, die traditionelle Kastanienkultur zu bewahren. Sie entdecken die gesunde und glutenfreie Frucht für die moderne Küche neu, beleben farbenprächtige Kastanienfeste und vermitteln neugierigen Touristen die entbehrungsreiche Geschichte des Anbaus. Wunderbare Lehrpfade gibt es inzwischen in Südtirol und im Tessin, aber auch in der Pfalz und im graubündnerischen Bergell, wo sich der größte Esskastanienwald Europas findet.

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