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Edition von „Mein Kampf“ : Was lest ihr eigentlich in der Schule?

Adolf Hitler bei rhetorischen Exerzitien für den Vortrag aus „Mein Kampf“ Bild: © Heinrich Hoffmann

„Mein Kampf“ wird am 1. Januar gemeinfrei – und erscheint sofort in einer Edition mit 3500 Fußnoten. Im Kommentar des Instituts für Zeitgeschichte soll die Bildungsnation über ihren Zerstörer siegen.

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          Wenn das der Führer wüsste. Siebzig Jahre lang haben deutsche Behörden unter Berufung auf das Urheberrecht die Verbreitung von „Mein Kampf“ unterbunden, doch nach dem 1. Januar 2016, dem Verfallsdatum der auf den Freistaat Bayern übergegangenen geistigen Eigentumsrechte an Adolf Hitlers Schrifttum, soll das Buch gemäß einer Empfehlung von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka unverzüglich Pflichtlektüre in den Schulen werden. Damit wird der Schriftsteller Hitler, als welcher er schon vor der Veröffentlichung von „Mein Kampf“ firmierte, einen kanonischen Status erlangen, der ihm versagt blieb, als die Schulen Organe eines auf seinen Willen eingeschworenen Staates waren. Vergeblich blieb 1935 der Versuch des Eher-Verlags, seinem prominentesten Autor einen festen Platz in den Lehrplänen zu verschaffen. Auf Weisung der NSDAP-Parteizentrale, so zitiert Sven Felix Kellerhoff aus den Akten in seinem bei Klett-Cotta erschienenen Buch über die „Karriere eines deutschen Buches“, wurde „vorerst die Einführung des Werkes in den Schulen zurückgestellt“.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ist denkbar, dass man Hitler vor dem typischen Effekt verordneter Schullektüre bewahren wollte: dem Überdruss? Belegt ist immerhin eine gewisse Skepsis intellektueller Parteifunktionäre gegenüber den Begleitumständen nationalpädagogischer Klassikerverwendung. Schullektüre erfolgt gelenkt. Ein Buch muss für den Gebrauch im Unterricht eingerichtet werden. Charakteristisch für die deutsche literarische Schulbildung ist eine eigene Textgattung: das Büchlein mit Erläuterungen. Noch im Jahr von Hitlers Regierungsantritt legte der einschlägig ausgewiesene Schulrat Paul Sommer eine Broschüre über „Mein Kampf“ vor, mit dreißig Seiten „Wort- und Sacherklärungen“. Die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums befand, man könne auf Sommers Schrift „sehr gut verzichten“, da die Erläuterungen „von einem Schulmeister gegeben werden, der sich damit wichtig tut, die in ‚Mein Kampf‘ enthaltenen Fremdworte zu übersetzen und sonstige nichtssagende Erklärung zu geben“.

          Nach Ablauf des Urheberrechts : Deutsche Neuauflage von „Mein Kampf“ soll 2016 erscheinen

          Ein ungekannter Gegenzauber

          Die Erwartung der Bundesbildungsministerin, dass „Mein Kampf“ für heutige Schüler lehrreich sein wird, gründet sich umgekehrt darauf, dass das Buch mit Übersetzungshilfen und Erklärungen in deren Hände gelangen soll: in Gestalt der kommentierten Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), deren Veröffentlichung für den 8. Januar angekündigt ist. Unkommentierte Nachdrucke will der Staat weiterhin verbieten: Die Justizminister haben beschlossen, dass die Staatsanwaltschaften Verfahren wegen Volksverhetzung einleiten sollen. Es gibt keine Vorabexemplare der IfZ-Edition; auch der Bundesregierung ist keines zugegangen. Die wissenschaftliche Leistung der Edition werden Historiker bewerten müssen; die Eignung als Unterrichtsmaterial ist dann noch einmal ein ganz anderes Thema. Frau Wanka empfiehlt den Schulen die Anschaffung eines in mehrfachem Sinne ungelesenen Buches.

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