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Die Krisenkinder : Freiheit ist die Freiheit der Schlechtergestellten

„Ihr spekuliert mit unserem Leben“: Die Occupy-Generation fühlt sich genötigt, selbst zu handeln, um ihre Zukunft zu sichern. Doch ist sie damit auch freier? Bild: Fricke, Helmut

Die Dreißigjährigen sind qualifizierter, mobiler und flexibler als ihre Eltern, die in Frieden und Wirtschaftswachstum hineingeboren wurden. Was machen sie daraus? Eine Bestandsaufnahme.

          Es gab einmal ein Versprechen. Es lautete, dass es der nachfolgenden Generation immer besser gehen wird als der vorherigen. Und weil es dieses Versprechen einmal gab, rief zum Beispiel François Hollande neulich seine Mitbürger dazu auf, die Annahme zu bekämpfen, dass unsere Kinder dazu verurteilt seien, schlechter zu leben als wir. Die Kinder, die der sozialistische Präsidentschaftskandidat meint, werden nicht erst geboren, sie leben schon, in Frankreich, in Deutschland, weltweit. Und sie sind erwachsen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zum Beispiel Daniel Weis. Er ist neunundzwanzig, groß und schlank, er trägt einen dunklen Mantel, Jeans und einen Hut. Wenn er ihn tief in sein winterblasses Gesicht zieht, das etwas Kritisch-Distanziertes hat, könnte er einer dieser Ermittler aus den amerikanischen Fernsehserien sein. Vergangene Nacht, als das Thermometer minus dreizehn Grad zeigte, hat Daniel Weis in einem kleinen Zelt geschlafen, in das nicht mehr hineinpasst als eine Matratze. Er hat es zu Beginn der Occupy-Bewegung im Frankfurter Camp mit Blick auf die Europäische Zentralbank aufgeschlagen. Nun übernachtet er manchmal dort, je nach Stimmung.

          Später, vielleicht, irgendwann

          Die Eltern von Daniel Weis (Name von der Redaktion geändert) sind Ende fünfzig. Als sie neunundzwanzig waren, hatten sie zwei Kinder, Daniel und seine ältere Schwester. Sie lebten in einem Haus in Fulda, das der Großmutter gehörte. Die Großmutter wohnte im Erdgeschoss, ihr Mann war kurz nach Kriegsende gestorben. Im Garten stand eine Schaukel. Sobald es das Wetter zuließ, grillte die Familie mit den Nachbarn, man fuhr auch gemeinsam in den Urlaub, immer nach Italien, immer in denselben Ort. An drei Vormittagen in der Woche half Daniels Mutter im Sekretariat eines Architekturbüros aus, das zu Fuß keine zehn Minuten entfernt lag, ansonsten kümmerte sie sich um den Haushalt und die Kinder. Sein Vater stieg morgens um acht in seinen Ford, dessen Heizung immer erst richtig warm wurde, wenn man schon angekommen war. Abends um fünf kam er wieder nach Hause. Er hatte eine kaufmännische Lehre bei einem Versicherungskonzern absolviert, und weil es ihm dort gefiel, sah er keinen Grund, das Unternehmen zu wechseln, und es war auch gar nicht vorgesehen. Er wurde Abteilungsleiter. Zu seinem fünfzehnjährigen Dienstjubiläum überreichte ihm sein Chef einen Geschenkkorb, und die Kollegen klatschten.

          Daniel Weis studiert im neunten Semester Geowissenschaften und Skandinavistik in Frankfurt. Er spricht fließend Englisch, Französisch und Schwedisch. Er lebt in einer Altbauwohnung, die er sich mit zwei Freunden teilt, was günstiger ist, als allein zu wohnen, besonders in Frankfurt, wo der Platz knapp ist und die Mieten hoch sind. Außer einem Schrank, einem Schreibtisch und einer Couch besitzt er keine Möbel. Die Matratze liegt auf dem Fußboden. Seine Großmutter hat ihm eine Wanduhr vererbt. Da die finanzielle Unterstützung seiner Eltern nicht zum Leben reicht, arbeitet er nebenher in verschiedenen Jobs, zum Beispiel als Übersetzer oder Elektriker, wozu er ausgebildet wurde. Auf diese Weise hat er sich ein Auslandssemester in Stockholm finanziert. Damals hatte er eine Freundin, sie wohnte in Hamburg, die beiden sahen einander nur an den Wochenenden, ihre Liebe hielt drei Jahre. Im Moment ist Daniel Weis Single. An Kinder denkt er nicht. Die meisten seiner Freunde haben auch noch keine. „Später“, sagt er. „Vielleicht.“

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