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Die Kinder des Terrors : Warum soll ich mich für vergossenes Blut entschuldigen?

  • Aktualisiert am

Die mutmaßlichen Attentäter vom 7. Juli 2005 auf einem Videobild Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wie rekrutieren Terrorgruppen ihre Attentäter? Junge Muslime aus Großbritannien wenden sich von der Gesellschaft ab und folgen den Lehren dubioser Haßprediger. Ein Bericht aus London und Beirut von Souad Mekhennet.

          Wenig mehr als ein Jahr nach den Anschlägen vom 7. Juli 2005 in London ist dort eine Gruppe festgenommen worden, die Bomben in Flugzeuge schmuggeln wollte. Wie rekrutieren Terrorgruppen ihre Attentäter? Souad Mekhennet, regelmäßige Mitarbeiterin dieser Zeitung, ist der Frage kurz nach dem 7. Juli sowohl in London als auch in Beirut nachgegangen. Ihr Bericht, den wir hier vorab veröffentlichen, stammt aus dem von ihr, Claudia Sautter und Michael Hanfeld, dem Medienredakteur dieser Zeitung, verfaßten Buch „Die Kinder des Dschihad - Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa“, das am 23. August im Piper Verlag, München, erscheinen wird. (F.A.Z.)

          Von Souad Mekhennet

          London im Juli 2005: Kurz nach den Anschlägen auf U-Bahnen und einen Bus, die sechsundfünfzig Tote forderten, lud die islamistische Hizb-ut-Tahrir (Partei der Befreiung) zu einer Konferenz ins Royal National Hotel. Im Saal drängten sich mehr als tausend junge britische Muslime, die ein politisches Signal setzen wollten: „Speaking against Bush and Blair's foreign policy is not Terrorism“ - wer gegen den Irakkrieg protestiert, ist kein Terrorist, so stand es auf dem Transparent über dem Podium. Die Veranstaltung schlug hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Wie konnten junge Muslime ausgerechnet jetzt über die Außenpolitik Amerikas und Großbritanniens zu Gericht sitzen, wo doch aus ihren Reihen der Terror kam? Medien und Politiker hatten eine Verurteilung der Selbstmordattentate erwartet, keine Anklage.

          Antiwestliche Demonstration in Großbritannien

          Frauen und Männer saßen getrennt im Konferenzsaal. Bis auf eine trugen alle Kopftuch und lange Mäntel. Um so mehr fiel die junge Frau auf. Sie war geschminkt, trug Jeans und eine eng anliegende Bluse. Beauty, erfuhren wir, ist zwanzig Jahre alt, Psychologiestudentin, und ihre Eltern stammen aus Bangladesch. Als einer der Gastredner mit eindringlichen Worten das Leid der Muslime in Palästina, Tschetschenien, Afghanistan und im Irak beschrieb, brachen die Zuhörer in einen leidenschaftlichen Ruf aus: „Allah hu akbar! Allah hu akbar!“ Was suchte diese schöne junge Frau auf dieser Veranstaltung?

          Bürgerin zweiter Klasse

          „Ich bin hier, weil ich sauer bin.“ Beauty sagt das mit leiser, sanfter Stimme, die so gar nicht zur aufgewühlten Atmosphäre im Saal passen will. „Warum soll ich mich für das vergossene Blut von Briten entschuldigen? Wer entschuldigt sich denn für die Toten in der islamischen Welt?“ Für Beauty waren die Londoner Anschläge ein Erweckungserlebnis. Seither weiß die Zwanzigjährige, daß sie nicht zur britischen Mehrheitsgesellschaft gehört, sondern „Bürgerin zweiter Klasse“ ist. Bis zum 7. Juli, dem Tag des ersten Anschlags in London, war sie keine praktizierende Gläubige. Religion spielte in ihrem Leben keine Rolle. Danach sehr wohl. Erst als in der britischen Öffentlichkeit alle Muslime unter Generalverdacht gerieten, entdeckte Beauty den Islam. Aber nicht den traditionellen, unpolitischen Glauben ihrer Eltern aus Bangladesch, sondern den selbstbewußten, fordernden, wehrhaften, politischen Islam, wie ihn Hizb-ut-Tahrir vertritt.

          Ihre Eltern wollten nicht, daß sie zu dieser Konferenz ging. Schon gar nicht in der aufgeheizten Atmosphäre nach den Anschlägen. Du sollst nicht auffallen! Du sollst dich anpassen! Neunzehn Jahre lang hatte Beauty auf die Mahnungen ihrer Eltern gehört. Seit dem 7. Juli nicht mehr. Ihre Eltern lebten die klassische Rollenteilung. Der Vater ist Fabrikarbeiter, die Mutter Hausfrau. Sie sparten jeden Penny, um den Kindern eine Karriere im Land der ehemaligen Kolonialherren zu ermöglichen. Beauty durfte selbstverständlich auf Klassenfahrten, zum Schwimmunterricht und zu Partys ihrer weißen Schulfreundinnen. Sie sollte dazugehören. Jetzt will Beauty aber nicht mehr dazugehören: „Ich bin Muslima. Der Westen arbeitet gegen meine Religion.“ Sie denkt jetzt sogar darüber nach, Kopftuch zu tragen, denn Frauen, die sich Hizb-ut-Tahrir anschließen, müssen es tun. Auch das wird ein Bruch mit der Familie. Ihre Mutter trägt in Großbritannien nie den Hijab.

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