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Edo Reents (edo.)

Unsere träge Gesellschaft : Frau Bräsig

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält in der Plenarsitzung des Deutschen Bundestages eine Regierungserklärung im Februar 2021. Bild: dpa

Das ganze Land wird heute gern als bräsig bezeichnet, ebenso seine Regierung. Doch zögert man, die Kanzlerin selbst so zu nennen. Zumindest leistet sie dieser Eigenschaft Vorschub, als Bräsigkeitsermöglicherin.

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          Edel sei der Mensch, bräsig und gut? Jetzt ist die Zeit, Fritz Reuter zu lesen! Zu lange und schwer lastet die mittlerweile täglich diagnostizierte Bräsigkeit auf dem Land, als dass es noch vertretbar wäre, auch dieses Problem auszusitzen – womit wir schon mitten im Sachverhalt stecken: Denn sieht man richtig, dann gehören „bräsig“ und „aussitzen“ zum selben Wortfeld, indem beides eine Behäbig-, Dickfellig- und Schwerfälligkeit bezeichnet, die einfach nicht zu Potte kommt, und zwar deswegen nicht, weil sie sich selbst genug und im Ganzen recht zufrieden mit sich ist. Typisch deutsch? Sagen wir zunächst: typisch norddeutsch. „Bräsig“ stammt aus dem Niederdeutschen und meint ursprünglich „kräftig, wohlgenährt“.

          Dass diese Auskunft auch dem Duden zu entnehmen ist, könnte Sprachpfleger misstrauisch machen; aber keine Angst: Die Gefahr, dass man sich bei einer näheren Befassung in Geschlechterfragen verheddert, besteht nicht. Bräsigkeit ist an kein Sexus gebunden, was man schon daran sieht, dass die Bundesregierung, der man diese Eigenschaft nun schon ohne weiteres zuschreibt, seit bald sechzehn Jahren von einer Frau geführt wird. „Denn am Ende trage ich für alles die letzte Verantwortung. Qua Amt ist das so.“ Ob die Kanzlerin, als sie dies so spektakulär sagte, mitbedacht hat, dass sie damit ja letztlich auch für die selbst von Wohlmeinenden nicht mehr bestrittene, allgemeine Bräsigkeit die alleinige Verantwortung übernimmt? Die Frage ist: nur qua Amt oder auch qua Person?

          Man zögert, Angela Merkel als bräsig zu bezeichnen. Sagen wir es so: Sie ist es nicht; sie leistet dieser Eigenschaft, als Bräsigkeitsermöglicherin, aber Vorschub. So gesehen, holt sie auch jetzt wieder das Beste aus den Deutschen heraus. Nicht etwa schon in der Erfindung eines Impfstoffs, sondern erst in der Unfähigkeit, ihn auch unter die Leute zu bringen, ist Deutschland ganz bei sich. Man wird, wenn es erlaubt ist, auf diesem Wortfeld noch ein wenig zu verweilen, selbst schon ganz rammdösig davon.

          Doch brechen wir, bevor die Bräsigkeit uns vollends übermannt, an dieser Stelle ab und kommen auf Fritz Reuter zurück. Zu seinem hundertsten Todestag hieß es in dieser Zeitung, „Ut mine Stromtid“, das Hauptwerk, gehöre „zu den ganz wenigen geglückten, uns heute noch anrührenden großen Schöpfungen der deutschen Prosaepik des neunzehnten Jahrhunderts“. Wenn wir wenig Hemmungen haben, dieses Buch als den Roman der Stunde zu bezeichnen, dann natürlich deswegen, weil darin der Bräsigkeit ein persönliches Denkmal gesetzt wird: „Mitbürger! Mein Nam is Entspekter Zacharias Bräsig!“

          Was fängt man nun aber damit an, dass der Inspektor nur so heißt, aber gar nicht bräsig ist? Hier liegt eine Bedeutungsverschiebung vor, ähnlich wie bei Frankenstein, dessen Name auch synonymhaft für eine Eigenschaft steht, die nur seinem Geschöpf zu eigen ist. Und so hinterlässt Kanzlerin Bräsig, wie wir sie jetzt probeweise doch einmal nennen wollen, ein bräsiges Land, ohne es selbst zu sein.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

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