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Die Kandidatin Gesine Schwan : Eine Fleiß- und Beißliberale

  • -Aktualisiert am

Gesine Schwan Bild: picture-alliance/ dpa

Darf sich Gesine Schwan mit den Stimmen der Linken zur Bundespräsidentin wählen lassen? Ja, meint der Politologe Alfred Grosser. Ihr nach allen Seiten offenes Denken mache sie immun gegen das Werben von Lafontaine und Bisky.

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          Natürlich bin ich voreingenommen: Wir kennen uns schon so lange und sind schon so lange befreundet! Aber ebendeshalb kann ich etwas aussagen über ihre Fähigkeiten und Grundeinstellungen, während ich Bundespräsident Köhler noch nie begegnet bin - was mich nicht daran hindert, im zweiten Teil dieses Artikels sein Wirken zu preisen.

          Aber zunächst Gesine. Um es auf deutsche Art zu formulieren: Frau, Freude, Frieden. Die Frau: Ja, sie wäre die erste Bundespräsidentin. Das Erstaunen wäre allerdings in Ausland und Inland gering: Angela Merkel hat bereits echte Macht und wird überall anerkannt und fast überall bewundert. Aber eine echte Kandidatin vorzuschicken ist doch für die Sache der Frauen gut. Echt im Gegensatz zu Hildegard Hamm-Brücher, die ihre Partei 1994 aufstellte, wissend, dass sie nicht die geringste Chance hatte. Schlimmer: Sie verkörperte eine FDP, die es gar nicht mehr gab. Als Schöpferin des Theodor-Heuss-Preises lag sie auf der politischen und gesellschaftlichen freiheitlichen Linie des ersten Bundespräsidenten. In Württemberg, in Hamburg, in Bremen standen die FDP-Wähler zu dessen Zeit links von der CDU. Wer konnte das von Otto Graf Lambsdorff behaupten oder von Guido Westerwelle, der im Jahr der Kandidatur der Dreiundsiebzigjährigen Generalsekretär wurde? Gesine Schwan darf die heutige SPD vertreten. Was das bedeutet, soll hier zunächst nicht beschrieben werden.

          Selbstvertrauen und Fremdvertrauen

          Die Freude: Wie oft habe ich doch die Bundesrepublik als freudloses Land bezeichnet, was natürlich gar nicht stimmt, wenn man die sehr berechtigte Fußballfreude betrachtet oder das erniedrigende Lachen in so mancher Fernsehsendung! Ein lachender Präsident ist Walter Scheel gewesen. Deshalb hat man nie die Tiefe seiner großen Reden anerkannt. Gesine Schwan strahlt Freude aus, ohne lachen zu müssen, weil sie ein in Deutschland leider seltenes Selbstvertrauen ohne jene Selbstbemitleidung hat, die beinahe so typisch deutsch ist wie die Selbstüberschätzung typisch französisch. Gesine Schwan sagt zu Recht in ihrem Interview im neuesten Heft der Zeitschrift „Kulturaustausch“: „Ein Mensch, der kein Vertrauen entgegenbringt, kann nicht in vertrauenswürdigen Verhältnissen leben. Ich brauche Selbstvertrauen, um Fremdvertrauen aufzubringen.“

          Diese ausgestrahlte Freude beleidigt nie das Leiden der anderen. Sie weist lediglich auf den Weg, der allen offensteht, den Weg der schöpferischen Erinnerung, die ihrerseits Frieden schafft. Mit Frankreich ist sie eingestiegen, als schon vieles auf dem Weg war. Im Verhältnis zu Polen hat sie besonders große Verdienste, nicht nur als Polen-Beauftragte der Bundesregierung. Sie ist zukunftsbestimmt, wie es Vertriebene wie Marion Dönhoff und Klaus von Bismarck waren oder wie der Historiker Rudolf von Thadden, der ehemalige Einwohner seines pommerschen Geburtsortes Trieglaff aus aller Welt zusammenrief, um eine Tafel an der Kirche anzubringen: „Zur Erinnerung an viele Generationen deutscher Trieglaffer, die hier lebten und glücklich waren, und mit guten Wünschen für das Wohlergehen der polnischen Trieglaffer, die heute hier ihre Heimat haben.“

          Konservativ, liberal und sozialistisch

          Die Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder verkörpert diese Grundeinstellung. Gesine Schwan ist dort nun neun Jahre lang eine vorbildliche Präsidentin gewesen, nicht nur wegen ihrer Beherrschung der polnischen Sprache, sondern noch mehr dank ihrer Verwaltungsbegabung und ihrer menschlichen Ausstrahlung. Diese Gaben hatten schon anderswo Erstaunliches gezeitigt: Als sie die Leitung des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität abgab, brachte die Zeitung des ultralinken AStA eine tolle Lobeshymne auf die scheidende Direktorin. Ihre Offenheit, ihr Wille zum Zuhören, zur Diskussion zwischen Ebenbürtigen würden sich nur schwer wieder finden lassen. Dabei wurde anerkannt, dass sie feste Prinzipien hatte, die sie den „harten“ Studenten gegenüber nie aufgegeben hatte.

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