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Die IS-Jugend : Generation Dschihad

Gerade in Gesellschaften, die persönliche Freiheiten und Entfaltungsspielräume bieten wie nie zuvor, gibt es dafür jedoch kein Rezept. Die Fülle der Möglichkeiten wirkt nicht verlockend, sondern verunsichernd. Der Druck, die richtige Wahl zu treffen, ist enorm, und genau da setzt die salafistische Ideologie an: Anstatt der Freiheit, alles tun zu können, verheißt der Salafismus die Freiheit, nicht alles tun zu müssen. An die Stelle von Ambivalenz setzt er klare Regeln, statt Kopfzerbrechen fraglose Wahrheiten – die religiöse Bildung bleibt deshalb rudimentär.

Angelockt wird auch mit Bildern des Friedens und der Harmonie

Nun mag man einwenden, dass aufgeklärte junge Menschen sich doch niemals freiwillig einer reglementierten Sexualität und den strengen salafistischen Kleidervorschriften unterwerfen würden. Der Einwand unterschätzt das Provokationspotential, das beidem innewohnt. Zugespitzt kann man sagen: Junge Salafisten wollen anecken, das gehört zu einer gelungene Rebellion schließlich dazu. Junge Frauen erleben in der salafistischen Szene oft sogar mehr Gleichberechtigung als in ihren Herkunftsmilieus. Sie dürfen zwar so gut wie nichts, doch für Männer gilt das Gleiche. Eine junge Französin aus dem Pariser Vorort Clichy-sous-Bois hat ihre Konversion gegenüber Atran so beschrieben: „Ich war wie eine Muslimin, die in einem christlichen Körper gefangen ist.“ Inzwischen sei sie überzeugt davon, dass ihr einzig der „Islamische Staat“ ein würdevolles Leben als Muslimin ermöglichen werde.

Lange wurden die Forschungen von Atran als linke Spinnereien abgetan. Inzwischen ist der am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris lehrende Atran als Terrorismusexperte gefragt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich seine Befunde mit der psychologischen Zielsetzung des IS decken. Man müsse sich die „Aufsässigkeit der Jugend“ zunutze machen, heißt es in „Management of Savagery“; sie müsse unbedingt dazu gebracht werden, „in die Regionen zu fliegen, die wir kontrollieren“. Um das zu erreichen, schlägt das Buch eine globale Medienoffensive vor, und tatsächlich braucht es längst nicht mehr den Gang in die Moschee eines radikalen Predigers, damit einen die Botschaft des Dschihad erreicht: Sie poppt mittlerweile auf den Smartphones und Tablets ganz normaler Leute auf, bei der Arbeit am Schreibtisch, beim Treffen mit Freunden im Café – als Twitter-Nachricht, in Form von Fotos und Filmen. Die Medien-Brigade des IS stellt sie simultan auf Englisch, Französisch und Deutsch ins Netz, in der Regel kommen später Versionen in Russisch, Indonesisch und Urdu hinzu. Das Skript dieser Filme orientiert sich an den Vorlieben und Sehgewohnheiten des westlichen Publikums. Auch das ist etwas, worauf Naji großen Wert legt: Im Westen unterwerfe man sich der Täuschung durch die Medien nicht nur aus Angst, sondern auch aus „Liebe“, denn die Medien propagierten „Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit unter den Menschen und eine Reihe von anderen Werbeslogans“.

Analysen des britischen Thinktanks Quilliam Foundation haben gezeigt, dass die Darstellung von Gewalt, anders als oft angenommen, tatsächlich nur einen Bruchteil ausmacht im Arsenal der IS-Propagandafilme. Es überwiegen Produktionen, in denen man glückliche Kinder sieht. Mit leuchtenden Augen lauschen sie dem Koranlehrer, um danach mit Papa zu spielen, offenbar hat er gerade Feierabend an der Front gemacht. Auf den Wochenmärkten türmen sich Berge von Obst und Gemüse, zwischen den Marktständen stehen vollverschleierte Frauen und schwatzen. Den Inhalt ihrer prallen Einkaufsbeuteln haben sie mit der brandneuen Währung des IS bezahlt. Es sind Bilder des Friedens und der Harmonie, Bilder von einer besseren Welt im Aufbau, mit Reportagen über Landwirtschaft, vorbildlich geführte Krankenhäuser, neue Polizeieinheiten – das die Realität anders aussieht, weiß man von desillusionierten Rückkehrern.

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