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Die IS-Jugend : Generation Dschihad

„Dschihadi John“ : Wie wird ein friedfertiger Mann zum IS-Henker?

Sehnsucht nach Abenteuer und nach Ruhm

Jahrzehntelang hat sich die Debatte um die Ursachen des islamistischen Extremismus’ auf Fragen der sozialen Ungleichheit und Religion konzentriert. Folgt man aber den jüngsten Publikationen der amerikanischen Terrorismusforscher Jessica Stern und J.M. Berger oder den Befunden des Anthropologen Scott Atran, dann haben die Aussicht auf den Einzug ins Paradies und damit verbundenen Annehmlichkeiten als Motiv für den Aufbruch in den Dschihad weitestgehend ausgedient.

Zwei junge Dschihadisten
Zwei junge Dschihadisten : Bild: AFP

Atran hält religiöse Lehren, politische Entwicklungen und Diskriminierungserfahrungen nur für Zahnrädchen in einer Gedankenmaschine, die von etwas ganz anderem angetrieben wird: von der zugespitzten jugendlichen Sehnsucht nach Abenteuer, Ruhm und einem Leben, das Bedeutsamkeit verspricht. Anders gesagt: Es ist weitaus spannender, ein gefährlicher Krieger, ein Mujaheddin, zu sein, als ein rechtschaffener junger Erwachsener, der, wie man das heute eben so macht, aufgeklärt über Klimawandel, Flüchtlingskrise und Konsumterror spricht und sich mit Bio-Brot und Yogakurs auf Ich-bezogene Sinnsuche begibt. Wer hingegen beim IS mitmacht, ist Avantgarde. Und engagiert sich bei einem globalen Projekt, das sich als progressiv versteht. In der Ideologie extremistischer Islamisten braucht es die Rückwärtsgewandtheit, um Vorwärts zu gehen.

Der IS verlangt zwar die Unterwerfung unter ein strenges Regelwerk. Doch er verbindet dies mit der positiven Botschaft, dass jeder, der mitmacht, persönlich Anteil haben wird an der Schaffung einer neuen Welt. Eine Jugend, die Unfreiheit wählt statt Freiheit, um eine eindeutige Identität zu finden in einer vieldeutigen Welt – für Atran ist der IS nicht nur die dynamischste Jugendbewegung der Gegenwart, sondern auch deren stärkste gegenkulturelle Ideologie. In einem Interview sagte er kürzlich: „Die Begriffe Terrorismus und auch Extremismus sind völlig indiskutabel, um dem IS gerecht zu werden.“

Die Freiheit, nicht alles tun zu müssen

Atran ist einer der wenigen Wissenschaftler, der Interviews mit jungen IS-Anhängern im Irak und in Europa geführt hat. Er ist deshalb in der Lage, das Ganze auch mit den Augen dieser Jugendlichen zu sehen. Je mehr man sich in seine Publikationen vertieft, desto plausibler, ja evidenter wird seine These. Wer sich im Internet angeschaut hat, wie westliche Dschihadisten ihre neue Identität auf Facebook oder Instagram zelebrieren, kann der These nur zustimmen. Da geht es nicht um Träumereien vom Paradies, sondern um Abenteuer im Hier und Jetzt; in Uniform oder Kleidung mit IS-Logo, begleitet von salafistischen Musikstücken, den Anaschid. Die Leute posten Fotos, die den Alltag des Krieges dokumentieren sollen. Trotz schwerer Waffen wirken sie jedoch meist, als sehe man einer Clique bei einem Wochenende mit lustigen Paintballspielen zu. Einer der Jungs ist meist mit seiner Waffe beschäftigt, die anderen lächeln entspannt in die Kamera, umfassen einander bei der Schulter oder formen mit der rechten Hand jene Geste, die das Erkennungszeichen unter radikale Islamisten ist: der ausgestreckte Zeigefinger mit der Botschaft „ein Gott ein Staat“. Dann Landschaftaufnahmen und Bilder von syrischen Kindern, wie ein Tourist sie vielleicht machen würde

Scott Atran zufolge hatten die jungen Leute, die er befragte, ähnliche Probleme und Bedürfnisse. Denn die Hinwendung zum Salafismus, aus der nicht immer, aber oft die Reise in den Dschihad wird, geschieht nach seinen Befunden vor allem in Phasen des Übergangs. Auch Ahmad Mansour hat das in seinem gerade erschienenen Buch „Generation Allah“ festgestellt. Es sind Teenager oder Migranten; Auszubildende, die ihre Lehrstelle hingeschmissen haben, Studenten zwischen Hochschule und erstem Job; junge Männer oder Frauen, deren langjährige Liebesbeziehung gerade zerbrochen ist oder die kürzlich von zu Hause ausgezogen sind. Sie zeigen eine normale Fähigkeit zur Empathie, wollen meistens eher helfen als andere verletzen. Vor allem aber haben sie keine Lust auf elterliche Vorschriften, auf Leute, die ihnen sagen, was zu tun ist. Trotzdem wollen sie natürlich etwas Besonderes sein.

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