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Die infantile Gesellschaft : Aus Leuten werden Kinder

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Die sozialen Netze besorgen den Rest

So gibt es immer weniger Raum für Überraschungen, die ganz banal sein können. Früher fragten Kinder: „Wo fahren wir hin? Wie ist es da?“ Und bekamen vielleicht zur Antwort: „Das siehst du dann schon.“ Heute wird selbst in vertrauter Umgebung das Navigationssystem eingeschaltet und, sobald einem etwas nicht sofort einfällt, Google befragt und damit jedes unvorhergesehene Erfolgserlebnis, das Widerständen abgetrotzt ist, kassiert - eine merkwürdige Angewohnheit in einer Gesellschaft, die so viel Wert auf Gehirntraining legt.

Das Bedürfnis nach Voraussehbarkeit und Sicherheit, das Kinder begreiflicherweise haben, ist auch bei Erwachsenen so stark geworden, dass die Menschen, die sich noch wirklich wundern, die „staunen“ können, immer weniger werden. Gleichzeitig werden Pünktlich- und ganz allgemein Verlässlichkeit immer unwichtiger - man kann ja laufend am Handy durchgeben, wie spät man nun genau kommt. Großzügig vorausschauendes Verhalten, das gleichzeitig das Unwägbare einkalkuliert und aus dem sich erst wirklich neue Erfahrungen ergeben können, ist nicht mehr nötig.

Menschen wie Autisten

Die sozialen Netzwerke besorgen den Rest der allgemeinen Durchinfantilisierung: mit rumpfhaften Mitteilungen und der binären, recht eigentlich kindlichen Einstellung der „Like“-Buttons. Der politische Journalismus macht sich die schwindende Fähigkeit zur Differenzierung zu eigen, indem er uns mit immer neuen Umfragedaten zur ohnehin überschätzten Beliebtheit von Politikern beliefert.

Die sozialen Folgen von alledem sind kaum abzuschätzen. So etwas geht schleichend. Das Lebensgefühl des „haben, haben, haben“, des gierigen, unbedarften Mitmachens breitet sich vor allem digital aus. Und nicht zufällig gehört das reflexhafte Gerede von der „Servicewüste“, in der wir angeblich leben, inzwischen zum guten Ton. Eine Kundschaft, die es gewohnt ist, auf einen Doppelklick hin zufriedengestellt zu werden, erträgt es nicht mehr, wenn etwas nicht vorrätig ist und erst bestellt werden muss. So stirbt auch die größte Freude, die Vorfreude, langsam aus.

Und was ist mit dem wohltuenden Anblick von Menschen, die einfach mal gar nichts tun, die aus dem Fenster sehen und die Welt auf sich wirken lassen? Man mache eine Probe und sehe sich an einem beliebigen Bahnsteig um, an dem viele Menschen warten, oder im Zug selbst und vergleiche diese Situation mit der von vor fünfzehn Jahren: Die ununterbrochene digitale Kommunikation mit Abwesenden lässt die Menschen wie Autisten, ja, von einem rein phänomenologischen Standpunkt aus betrachtet, schon fast wie Geisteskranke aussehen.

Und Apple, Google und Facebook sowie die ganze Warenindustrie werden schon dafür sorgen, dass das so weitergeht, bis wir uns eines Tages auf gar nichts mehr konzentrieren können, weil wir unsere Hände dauernd nach allen Seiten dieser bunten, dummen Welt ausstrecken, wie Kinder, die überreizt sind und keinen Schlaf mehr finden. Früher sagte man in solchen Fällen: „Morgen ist auch noch ein Tag.“

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