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Die infantile Gesellschaft : Aus Leuten werden Kinder

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Regressive Bedürfnisse

Hinzu kommt der Retro-Kult: Mit neuen Waren in altmodischer Anmutung reproduziert die Babyboomer-Generation zumindest unterbewusst ihre eigene Kindheit. Auch Designer und Ingenieure wissen eben, dass die Kindheit das einzige Paradies ist, aus dem man nicht vertrieben werden kann. Es ist bezeichnend, dass das jetzt das wieder aufgelegte Magazin „Yps“, das früher nur etwas für Kinder war, sich nun ausdrücklich an Männer zwischen 30 und 45 wendet.

Auch die Musikindustrie setzt auf diesen Effekt, indem sie eine inzwischen wieder größer werdende Nische mit originalgetreuen Platten und CDs bereithält, die älteren Käufern das Gefühl gibt, wieder ins alte Jugendzimmer einzuziehen. Dieses regressive Bedürfnis dürfte auch den Eifer erklären, mit dem heute mancher Fünfzig- bis Sechzigjährige Originalplatten sammelt: Es ist der (unbewusste) Versuch, sich wieder in der Kindheit einzurichten.

Das Google-Logo der kindlichen Unschuld

Natürlich hat jeder das Recht, den Verführungen der Konsumindustrie zu Regression und Übertreibung zu widerstehen, aber wenn es zu viele tun, schrillt der mediale Alarm: Experten, Institute und Parteien werden unruhig, wenn das Wachstum auch nur minimal nachlässt. Hauptsache, Wachstum, gerne auch ohne Sinn und Verstand. Haus- und Maßhalten, sich mit dem zufriedengeben, was man hat, das Urteil „Der tut’s doch noch“ über ein Gerät- waren das nicht mal Erziehungsziele? Sollten Kinder nicht lernen, dass Dinge ihren Rahmen und ihre Grenze haben, die Keksdose irgendwann leer ist? Im Zeitalter der Flatrates fürs Telefonieren, fürs Essen und fürs Trinken ist das nicht mehr vorgesehen, da ist vor jedem L noch Platz für drei X.

Das Materielle ist das eine. Das andere ist die Digitalisierung, welche die allgemeine Infantilisierung auf viel subtilere und auf die Dauer wohl tiefer greifende Weise verstärkt. Das Google-Logo spricht in seiner Buntheit Bände und signalisiert kindliche Unschuld, ein spielerisches Willkommen, das von den Geschäftsinteressen der Firma ablenkt. Und Apple hat es mit seinem Design fertiggebracht, dass seine jeweils neuesten Produkte einen Nachrichtenwert bekommen wie politische Ereignisse.

Kontrasterfahrungen verschwinden

Diese Geräte machen uns zu sprunghaften und oft auch unhöflichen Menschen. Selbst konservative Menschen, die bei Tische am Mobiltelefon angerufen werden, halten es oft nicht mehr für nötig, sich für die Dauer des Gesprächs zurück zu ziehen, jeder soll ruhig alles mithören. Dass Spielzeug beim Essen nichts verloren, dass jede Verrichtung ihre Zeit und ihren Ort hat, scheint nicht mehr zu gelten. Es gibt keine, im Wortsinne, diskreten Lebensbereiche mehr.

Deswegen muss auch niemand mehr die Befriedigung seiner Bedürfnisse aufschieben - eine Fähigkeit, die seit Freud den erwachsenen Menschen ausmacht. Überall und rund um die Uhr können wir Waren bestellen, Fotos verschicken, mehrere Dinge gleichzeitig tun - essen, lesen, telefonieren, simsen und so weiter. Was hat man sich noch zu sagen, wenn man sich dann sieht? Kindlicher Mitteilungsdrang regiert, wo man sich einst gelassen sagte, bestimmte Dinge erfahre der andere noch früh genug.

Und wir wollen am liebsten alles gleichzeitig machen. Die Trennung zwischen privater und öffentlicher, beruflicher Sphäre ist längst aufgehoben; was jetzt kommt, ist noch schlimmer: Es verschwinden auch die Kontrasterfahrungen. Wo ist ein wirklicher Wechsel aus Reden und Schweigen noch möglich? Es wird viel zu viel kommuniziert, und die meiste Zeit geht damit drauf, dass man umständlich klärt, ob die Nachricht auch wirklich angekommen ist.

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