https://www.faz.net/-gqz-7wck4
28927966

Bücher der Humboldt-Uni : Schimmelreiter

  • -Aktualisiert am

Dem Sammler tut es ja schon im Herzen weh, wenn er nur drüber nachdenkt. Bild: Helmut Fricke

Die Berliner Humboldt-Universität lässt 50.000 wertvolle Bücher vergammeln. Schuld ist ein Loch in der Decke. Die Bände sollen jetzt vernichtet werden. Eine bibliophile Tragödie.

          2 Min.

          Vor wenigen Wochen erst meldeten sich die Hüter unserer historischen Bücherschätze und deren Kollegen aus den bedeutenden Archiven des Landes zu Wort. Sie tun das regelmäßig im September, zur Erinnerung an den Brand in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar vor zehn Jahren. „Rettet die Originale!“, hieß es darum wieder, und es wurden jede Menge erschütternder Fakten nachgereicht über prekäre Zustände, die das geistige Erbe (das kulturelle und das wissenschaftliche) unseres Landes bedrohen.

          Ein „Weimarer Appell“ wurde verabschiedet, um gegen Schimmel, Käfer und Tintenfraß anzutreten, unterschrieben von honorigen Leuten. Denn, frei nach Eichendorff: Wir alle sind, was wir gelesen! War die Humboldt-Universität vertreten in Weimar, hat sie unterschrieben? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen jetzt, dass sich der nächste Bücher-Skandal dort ereignet hat, mitten in Berlin, fast in Blicknähe auf eines der schönsten neuen Bibliotheksgebäude des Landes, das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität. Um das geht es nicht, sondern um einen kleineren Ableger dieser Universitätsbibliothek: die Bibliothek der Juristischen Fakultät.

          Ausgerechnet die rechtshistorisch bedeutsamen Bestände des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts sind dort unter dem Dach, das nicht ganz dicht ist, untergebracht. Darunter vollständige Monographiesammlungen, Gelehrtenbibliotheken wie die von Philipp Heck mit handschriftlichen Anstreichungen (und damit von unikalem Wert) sowie Dissertationen aus der DDR-Zeit - schwere Kost zwar, aber von hohem Interesse für die Forschung. Dazu viele weitere, ebenfalls unersetzliche Bücher. Schimmel hatte sich ausgebreitet.

          Doch statt über Rettung zu beraten und Hilfe zu organisieren, zum Beispiel nebenan, in der Staatsbibliothek, bei der „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ (KEK), wurde die Vernichtung der angeschimmelten Bücher ins Auge gefasst. Die Professoren sind entsetzt und sammeln Spenden für die Dekontamination. Protest formiert sich landesweit auch unter Rechtshistorikern; und über www.inetbib.de verbreitet sich die Nachricht vom neuerlichen Kulturfrevel unter allen Bibliothekaren des Landes.

          Die Universität verteidigt sich, spricht von 30.000 Bänden, die Dubletten seien, also auch anderswo verfügbar. Das darf, zumindest in dieser Größenordnung, bezweifelt werden; auch geht es um insgesamt etwa 50.000 Bände. Es sollen ein paar tausend Euro (nicht ausreichend) für die Rettung der historisch wertvollen Bände zum Römischen Recht bereitgestellt werden. Aber es fehlen ein paar Millionen Euro, um die Bücher angemessen unterzubringen. Und warum will man sie jetzt doch (oder endlich?) auf ihren Wert, vor allem für die Forschung, „sichten“, um sie „eventuell zu separieren und zu sichern“? Die Proteste haben immerhin bewirkt, dass sich am Montag das Präsidium der Humboldt-Universität mit der Causa „schimmelnde Rechtsgeschichte“ befassen will. Das allerdings hätte zuerst, spätestens im Mai geschehen müssen.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Eine Intensivpflegerin versorgt auf der Intensivstation im Krankenhaus in Braunschweig einen an Covid-19 erkrankten Patienten.

          Coronapolitik und Experten : Wenn die Willkür viral geht

          Eine Infektion mit dem Omikron-Virus verläuft öfter milde. Dennoch erweist sich die neue Welle für die Politik und ihre Ratgeber zunehmend als Gift. Gibt es eine Deutungshoheit um die beste Strategie?
          Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)

          Jahreswirtschaftsbericht : Weniger Wachstum, mehr Grün

          Wirtschaftsminister Robert Habeck muss die Konjunkturprognose coronabedingt deutlich senken. Zugleich will er stärker andere Indikatoren in den Blick nehmen. In der Opposition kommt das nur mäßig gut an.