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Die Hamburger Kulturkrise : Noch ist der Protest bemerkenswert dezent

  • -Aktualisiert am

Die Proteste vor dem Hamburger Schauspielhaus Bild: dpa

Der neue Kultursenator der Hansestadt stiftet Chaos mit seinen weder durchdachten noch auch nur durchgerechneten Sparbefehlen. Warum bleibt der Protest des Publikums so verzagt?

          Der zurzeit bestgehasste Hamburger trägt das Lächeln eines guten Schwiegersohns, die mühsam gebändigte Frisur, die Brille und die Fliege eines Fernsehprofessors, und er hat die Sensibilität eines Bulldozers. Reinhard Stuth, vierundfünfzig Jahre alt, ist ein treuer Parteisoldat der CDU und Weggefährte Ole von Beusts. Christoph Ahlhaus, von Beusts Nachfolger als Erster Bürgermeister, hat ihn zum 1. September aus dem einstweiligen Ruhestand geholt und zum Kultursenator gemacht.

          In die Zwangspause wurde Stuth erst am 15. März vergangenen Jahres geschickt, weil auf dem Höhepunkt der Kostenexplosion um die Elbphilharmonie weder die damalige Kultursenatorin Karin von Welck noch die Mitarbeiter der Behörde mit ihm, dem damaligen Kulturstaatsrat, noch zusammenarbeiten wollten. Die Gründe, dem allgemeinen Vernehmen nach: offensichtliche Unfähigkeit, Führungsschwäche und ein erheblicher Mangel an Umgangsformen. Nun ist er wieder da, offensichtlich mit dem Auftrag versehen, sich noch mehr Feinde zu machen - und man kann sagen: Er hat seine Mission schon erfüllt.

          Die ersten Opfer sind das Schauspielhaus (1,2 Millionen Euro Etatkürzung von 2011 an, der halbe Produktionsetat), das auf hamburgische Kulturgeschichte spezialisierte Altonaer Museum (Schließung, soll 3,5 Millionen bringen), die öffentlichen Bücherhallen (die noch einmal 1,5 Millionen sparen müssen). Ahlhaus will sich in den verbleibenden sechzehn Monaten seiner Amtszeit als Sanierer profilieren und 510 Millionen Euro im Haushalt einsparen. Und da absolut niemand, der gefragt wurde, den Job unter den intern vorgegebenen Etatkürzungen von zwei Prozent (sieben Millionen Euro) haben wollte, bekam ihn eben Stuth. Er wird das Sparziel umsetzen. Daran lässt er keinen Zweifel. Ob das überhaupt rechtlich möglich ist, scheint ihm egal.

          Kultursenator Reinhardt Stuth stiftet Chaos in Hamburg

          Denkfehler bei der Sparkalkulation

          Das Altonaer Museum etwa wurde erst 2007 in eine Stiftung mit den drei anderen historischen Museen der Stadt überführt und kann laut Satzung nicht einfach geschlossen werden (F.A.Z. vom 2. Oktober). Bei den 3,5 Millionen Euro handelt es sich um den Betriebshaushalt. Auf die Personalkosten entfallen davon 1,5 Millionen - der Jurist Stuth hatte offenbar übersehen, dass er den Mitarbeitern nicht einfach kündigen kann. Dem „Hamburger Abendblatt“ rechnete er vor: „Es ist klar, dass die Betriebskosten eines geschlossenen Hauses, vom Licht über Reinigung bis hin zur Bewachung, niedriger sind als die eines geöffneten Hauses.“ Nach diesem Kalkül ließen sich natürlich auch an anderen Orten die prächtigsten Spareffekte erzielen - in exakter Umkehrung des berühmten „Titanic“-Titelblattspruchs von F. K. Waechter: „Hungerproblem gelöst: Einfach mehr spachteln!“ Die Lagerkosten für 640 000 aus Altona abzuziehende Exponaten erhöhen allerdings die Betriebskosten der anderen Museen. Doch was nicht passt, da gibt Stuth sich sicher, wird schon passend gemacht.

          Geht angesichts eines solchen dreisten Dilettantismus nun ein Aufschrei durch die Stadt? Formiert sich das immer noch starke Bürgertum dieser fiskalisch armen, aber an Privatvermögen und Stiftungen so reichen Stadt, gibt es gar Großdemonstrationen? Nein. Nichts, was über eher hilflos anmutende Aktionen der direkt Betroffenen hinausgeht. Hamburg ist nicht Stuttgart. „Warum wehrt ihr euch nicht?“ fragte Christina Weiss jetzt immer wieder die Sammler und Galeristen aus ihrer alten Heimat, die sie auf dem Art Forum in Berlin traf. Der Grundton sei Empörung, aber zur Rebellion sei niemand bereit, so ihr Eindruck. Frau Weiss, zehn Jahre lang die letzte Kultursenatorin Hamburgs mit Format, bevor sie 2002 Kulturstaatsministerin wurde, sieht fassungslos auf den „Scherbenhaufen“ an der Elbe. „Die Stadt hat ihre Power verloren, ihre Neugierde - sie hat etwas Provinzielles bekommen“, stellt sie fest - und wer sie kennt, weiß, dass ihr diese Worte nicht leichtfallen.

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