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: Die graue Evidenz

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Den Besucher, der die Neue Nationalgalerie betritt, erwartet ein Kälteschock - eisig wirken die rahmenlosen, hinter Acrylglas versiegelten "Badezimmer", "Klause II" oder "Parlament". Thomas Demand zeigt seine Bilder, deutsche Bilder.

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          Den Besucher, der die Neue Nationalgalerie betritt, erwartet ein Kälteschock - eisig wirken die rahmenlosen, hinter Acrylglas versiegelten "Badezimmer", "Klause II" oder "Parlament". Thomas Demand zeigt seine Bilder, deutsche Bilder. Aus diesem Grunde wagt er für die Ausstellung im riesigen Kristall Mies van der Rohes den Titel "Nationalgalerie".

          Es ist eine Welt, die wir zu kennen glauben, doch der Künstler hat die Sujets, nach denen wir greifen möchten, einer erbarmungslosen Liposuktion unterzogen. Es gibt kein Fleisch, kein Volumen. Was wir sehen, ist in Todesstarre versenkt, gerade so, als ob eine Heerschar von Termiten oder der Appetit der Medien nur Schalen und Fassaden zurückgelassen hätten. Nach der ersten Verblüffung erfährt man, dass hinter der Perfektion der Bilder eine unglaubliche Taschenspielerei steckt, der man auf den Leim gegangen ist. Alles ist kläubelnde Simulation aus dünnem Papier, Karton und Kleister. Der Aufwand ist unvorstellbar. Nichts ist am Tricktisch entstanden, alles ist gewissermaßen Bio, ehrliche Handarbeit, die winzige Effekte, Glanzlichter, eine Vielfalt von Materialien, Hart und Weich zu imitieren versteht. Darauf kommt es dem Künstler an: mitzuteilen, dass in einer Zeit, die unter der Fiktion zusammenbricht, auch das Fiktive vorgetäuscht werden kann.

          Auf diesen Bonus des Artifiziellen, den bereits in der Antike Parrhasios im Wettstreit mit Zeuxis erobern wollte, spekuliert das Werk. Das gehört zum Spiel mit den Meraviglia und Artificialia, zu den technischen Bravourstücken, konstruierten Fabelwesen und Missgestalten, die in der Wunderkammer das Auge in einen Schwindelzustand versetzen sollen. Und irgendwie steht hinter dem Spiel mit Materialparadox und Überraschung auch der Plastiker Picasso, der in den fünfziger Jahren zu einem genialen Kniff greift und mit seinen extravaganten Klappskulpturen überrascht. Die zweidimensionale Vorstellung von Körpern erreicht er, indem er große Kartons zerschneidet und nach den Schnittbögen Arbeiten aus Blech ausführen lässt. Das Spiel mit dem Wissen um die abwesende Materie gehört zur Wirkung dieser planimetrischen Arbeiten. Es war ein abkürzendes Verfahren, das die Zeit zu überlisten suchte.

          Demand will es sich nicht leichtmachen. So gut wie alles meistert der Künstler - nur Menschen will er, auch wenn er sie wie den Rest seiner Welt aus Zellulose erschaffen könnte, nicht auf seiner Bühne haben. Derart verblüffend ist das Vorgehen, dass man sich zusammennehmen muss, ständig nach Gebrauchsanweisungen oder Bauanleitungen à la Rot-Blauer-Stuhl von Rietveld zu suchen. Doch es ist einfach zu verführerisch, der Methode dieses geschickten Vogelstellers aufzulauern und dem Effekt auf die Schliche zu kommen. Innerhalb des Schematismus, den man rasch durchschaut und den man letztlich als unverwechselbare Handschrift Demands erkennt, tauchen ungeheure Details, Details des Ungeheuren auf, verwelkte Pflanzen, Glanz auf Metall, zerbröckelter Schaum in der Badewanne. Alle sind aus Papier, mit einer Fertigkeit hergestellt, von der der Vorkurs des Bauhauses nur träumen konnte. Schnell nimmt man nichts mehr für gegeben hin. Dazu stimmt das Thema der Ausstellung ein. Es gibt keine unschuldigen Stillleben - alles hängt am Tropf des Tatorts, des Verbrechens oder einer ins Tote, Unheimliche verschobenen Vergangenheit. Und nicht zuletzt geht es um Kritik an der Informationstheorie, um Oberfläche und Substanz.

          Es lässt sich nicht übersehen, das Vorgehen Demands führt zu einer bemerkenswerten stilistischen Kontinuität. Die Handschrift, besser gesagt, die Art und Weise, wie der Operateur schneidet und die Stücke zusammensetzt, bleibt immer erkennbar. Er bereitet seinen Eingriff vor. Nach den Dokumenten und Fotografien, die ihm in die Augen fallen, macht er Skizzen. Er entfernt aus ihnen all das, was zu sehr ins Detail geht. Schrift, Hinweise auf Individualität lässt er weg. Dadurch, dass Accessoires und Erkennungszeichen fortfallen, entsteht immer wieder eine riskante Duplizität.

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