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Iran im Umbruch : Je verbotener etwas ist, desto leichter ist es zu haben

  • -Aktualisiert am

Wer dieser Tage nach Iran reist, erlebt eine Gesellschaft im Umbruch. Ist das die erhoffte Tauwetterperiode? Spielerisch testet das Land aus, was erlaubt ist. Der Fortschritt ist in Zentimetern freier Frauenhaut pro Saison zu messen.

          9 Min.

          Die sechsspurige Autobahn, die vom Flughafen Imam Chomeini zwanzig Kilometer durch die Ausläufer der Wüste führt, bis die südlichen Außenbezirke von Teheran erreicht sind, lässt trotz des heftigen Verkehrs Muße, das Bevorstehende an dem zu messen, was man zu erwarten glaubt. Eine Megalopole eines Schwellenlandes im islamischen Raum. 14, 16, 18 Millionen Einwohner? Jedenfalls eine unvorstellbare Zahl. Kairo fällt mir als Referenz ein, eine Stadterfahrung, die mich seinerzeit überforderte: Berge von Schmutz, eine permanente Wucherung in alle Richtungen in die Wüste hinein. Elendsquartiere, Straßenschluchten, Lärm, die Kakophonie der Muezzinrufe, der Huperei, des Geschreis in Arabisch, das es dem Sprachfremden unmöglich macht, Stimmungen einzuschätzen. Das Abheben der Maschine vom Flughafen damals eine Erlösung. Wird Teheran genauso sein oder ähnlich?

          Der erste Unterschied ist das Panorama, das sich aus dem Dunst schält: Schneebedeckte Gipfel bilden den Horizont, erheben sich hinter der Skyline – ein Anblick wie ein ins Gigantische vergrößertes Innsbruck. Die südlichen Stadtviertel sind ein wenig heruntergekommener als etwa in Südeuropa (ich fühle mich an die Bilder der neorealistischen italienischen Filme der fünfziger Jahre erinnert, als die römische Campagna zugebaut wurde mit Hochhaussiedlungen für die armen Landflüchtigen aus dem Süden) - aber Slums kann man das nicht nennen. Ein erster Eindruck, der sich in den folgenden Tagen immer mehr bestätigt und verfestigt: Die Stadt funktioniert. Die Polizei blitzt in regelmäßigen Abständen Raser. Der Strom fällt nicht aus. Die Müllabfuhr tut Dienst. Die Busse sind pünktlich. Teheran ist im Vergleich zu europäischen Städten eine saubere Stadt. Die Wasserverwaltung dieses zu großen Teilen aus Wüste bestehenden Landes tut wahre Wunder. Was ich bald verwundert wahrnehme: Teheran ist eine grüne Stadt, eine Stadt der öffentlichen Grünflächen, der Ruheoasen, der gepflegten Rabatten und Blumenmeere. Der Mellat-Park an der Vali-Ye-Asr-Straße erinnert an die Buttes-Chaumont in Paris, seine Blütenpracht an Bad Homburg zu Kaisers Zeiten. Dabei ist Teheran keine schöne Stadt. Sie ist jung, die ältesten Bauten stammen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Wirkliche Schönheit, atemnehmende Stadtschönheit werde ich erst in Isfahan entdecken. „Paradies“ ist ein Wort aus dem Persischen. Das wird in Isfahan erlebbar.

          Unerwartete Stille

          Teheran steigt auf den dreißig Kilometern seiner Süd-Nord-Ausdehnung von knapp über 1000 Metern bis fast 2000 Meter an, die nördlichsten und nobelsten Viertel an der Bergflanke gehen in die Hänge des Elburs-Gebirges über, dessen Kamm die Hauptstadt vom Kaspischen Meer trennt. Aber nicht nur steigt das Stadtgebiet an, es ist auch auf Hunderte von Hügeln und Kuppen verteilt, und durch die Schluchten und Täler schlängeln sich die Stadtautobahnen, die die Viertel miteinander verbinden und tagsüber hoffnungslos überlastet sind.

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